Freundlichkeiten

Ein Text ohne Bilder, aber mit viel Empfindung und Fortsetzung an jedem neuen Tag

14.03.
Zehn Tage bin ich nun in Japan. Ich kann mich relativ gut alleine bewegen und brauche nicht die Sicherheit der touristischen Trampelpfade. Aber natürlich treffe ich immer wieder auf sie. Beim gestrigen Besuch in Nara war das der Fall. Hier tauchten europäische Gesichter allerorten auf, die mir im sonstigen Alltag auf meinen Wegen kaum begegnen. Dennoch war ich überrascht, als mich ein Mann auf dem Weg zu einem der vielen Tempel und Schreine in Nara auf der Straße ansprach und fragte, woher ich käme, ob ich Japan möge und wie gut es mir gefiele. Nach dieser kurzen Frageeinleitung begann er übers Wetter zu sprechen, das noch ein wenig kühl sei (obwohl ich den wärmsten Tag in Japan erlebte) und die eigentliche Saison mit der Kirschblüte erst beginne. Ohne Hast und Zeitdruck hatte der Mann das Gespräch mit mir begonnen und nach einer angemessenen Zeit schlossen wir es mit einigen Verbeugungen.
Es schien meinem Gesprächspartner eine Selbstverständlichkeit zu sein, mir mit dem kurzen Gespräch ein gutes Gefühl für den Tag zu vermitteln. Auf dem Rückweg nach Osaka nahm ich zwar einen Rapid Train, aber in diesem Zug wurden die Stationen nicht Englisch angesagt. Ich versuchte, auf meinem Osaka Stadtplan die Haltpunkte zu eruieren, denn wo ich ankommen würde, war nicht ganz sicher. Auf dem Hinweg hatte ich ein Gefühl für die Zeit und die Abfolge der Bahnhöfe entwickelt, aber es blieb eine gewisse Unsicherheit. Als ich das Gefühl hatte, es müsse jetzt bald die Station Osaka-Tennoji kommen, stand ich auf. Irgendwie schien meine Unsicherheit sichtbar zu sein. Ein Mann in Business-Anzug blickte mich an, ich fragte ihn mit dem einfachen Wort Tennoji und er nickte. Ich ging die nächste Treppe in Richtung Ausgang hoch, fand mich dann aber in unbekanntem Gelände. Wieder trat ein Mann zu mir und fragte, wohin ich wollte. Er wies mir den Weg zurück in die Richtung auf die U-Bahn.
Vor einigen Tagen studierte ich in Kobe intensiv eine kleine Umgebungskarte im Aussenbereich des Bahnhofs auf der Suche nach dem Museum für zeitgenössische Kunst. Auf meinem (recht groben) Stadtplan war es verzeichnet, auf dem japanisch beschriebenen Aushang aber nicht. Eine junge Frau, die irgendetwas lautstark den Passanten anbot, stand plötzlich neben mir und fragte mit wenigen englischen Wörtern, wohin ich wollte. Nach meinem Stadtplan konnte sie mir sagen, dass ich zu früh aus dem Zug ausgestiegen war. Am richtigen Bahnhof mußte ich zwar einen Taxifahrer nach dem Museum fragen, der mir auch den Weg wies, aber das Museum konnte ich nicht sehen. Ich hatte aber Zeit, wollte nicht unverrichteter Dinge wieder zurück kehren und ging einfach ein Stück die Museums-Straße, die ich vor Augen hatte, entlang. Museum und Museumsstraße könnten ja zusammen gehören. Es traf zu. Nach etwa 200 m fand ich links neben mir das Museum. Nicht aufgeben, ein wichtiges Kriterium beim Reisen.

21.03.
Gestern kam ich von Kyoto zurück und hatte die Loop Line für den Weg in mein Quartier gewählt. Vom Bahnhof aus wollte ich aber nicht den gleichen Weg wie morgens zurück nehmen, sondern parallel dazu durch einige schmalere Straßen gehen. Das Schachbrettmuster der Straßenanlage erleichtert solche Vorhaben, aber am besten gepaart mit ein paar erkennbaren (oder erkannten) Ecken.
Ich ging auch eine Straße, die ich schon vorher in entgegen- gesetzer Richtung gegangen war, erkannte eine Kreuzung und einen Spielplatz wieder. Dann sah ich vor mir den Eingang zu einer Marktstrasse. Da war ich richtig, war ich mir sicher. Als ich näher kam, sah ich einen Straßennamen, der mir zwar bekannt vorkam, aber einordnen konnte ich ihn nicht. Ich zögert und schaute auf meinen Plan. Der konnte mir zwar nicht wirklich helfen, aber ich hoffte (vergeblich) den Namen der Straße zu finden. Da sprach mich aus einer Entfernung von etwa fünf Metern eine junge Frau an. „Are you lost?“ fragte sie zweimal. Ich sagte zwar „No, I’m not lost“, fühlte mich aber augenblicklich so. Als ich die Stimme der Frau hörte, ging ich instinktive einen Schritt in ihre Richtung – und sie ging ebenso instinktiv einen Schritt zurück. Ich bewegte mich sofort nicht weiter, denn mir war klar geworden, dass sie aus einem „Sicherheitsabstand“ heraus mich angesprochen hatte, und den mußte ich einhalten. Ich ging weiter auf die Marktstrasse zu und machte mir klar, dass ich diesen Eingang natürlich nicht hatte sehen können. Ich kam ja von der andren Seite. Ein Schritt in die Marktstraße und ich sah all die vertrauten Fassaden.
An dieser Situation wurde mir wieder klar, wie genau und aufmerksam Japaner andere Menschen (vermutlich nicht nur Ausländer, die man nur gelegentlich in den Wohnvierteln trifft) beobachten und dabei auch helfend eingreifen.
Zuvor hatte ich mich im Museum in Kyoto auf eine Bank gesetzt, eine andere Brille aus meinem Rucksack geholt. Mein Notizbuch hatte ich neben mich gelegt und den Rucksack darauf gestellt.
Als ich aufstand, schulterte ich den Rucksack und ging vor die Wandschirm, den ich mir ansehen wollte. Da trat die in jedem Raum anwesende „Kuratorin“ ( im italienischen Sinn) an mich heran und hielt mir mein Notizbuch entgegen. Sie hatte gesehen, was ich noch nicht bemerkt hatte.

Nahezu jeden Tag gibt es diesen kleinen Szenen und immer sind sie freundlich und hilfreich und geben mir das Gefühl, dass ich in Japan wirllich nicht verloren gehen kann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s