Der vorgezogene letzte Tag

22.03.

Ich habe mir heute das Programm meines letzten Tages in Japan unverhofft schon erfüllt. Heute morgen um 9.00 Uhr bin ich an der Osaka station in den Zug zum Shinkansen Bahnhof und danach in den Shinkansen nach Tokyo gestiegen. Ich habe das Netbook vor mich hingestellt und einige Textfragmente aus dem Notizbuch der letzten Tage in den PC übertragen. Bis Nagoya wollte ich nicht aus dem Fenster sehen, denn diese Strecke kannte ich schon. Die Sonne war heller und die Luft wärmer, als der heute Morgen noch- mals abgerufene Wetterbericht sagte.

ein Dorf

ein Dorf

7_Wartende

geduldig Wartende

4_Blick in Kleinstädte

Die Nahansicht einer Kleinstadt

5_alte Brücken

Idylle mit alter Brückentechnik

 

 

 

 

 

2_privates Land

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Jetzt ist es kurz nach 14.00 Uhr und ich sitze schon wieder im Zug, nun von Tokyo nach Osaka. Zwischen Ankunft und Abfahrt von Tokyo liegt nur ein Kaffee mit Gebäck bei einer der in Japan so beliebten Cafe-Ketten, die alle importiert zu sein scheinen. Heute hieß sie „Andersen“. Aber sie haben alle nur einen irgendwie europäisch klingenden Namen. Im Verhältnis zu den Kaffes, die ich in den vergangenen drei Wochen in Japan getrunken habe, schmeckte er wie zu Hause, d.h. zungenver- brühend heiß und ohne Charakter. Dafür kostete er etwa 100 Yen weniger als in den handmade Cafés (der blog ist noch nicht eingestellt). Jetzt weiß ich, dass ich diese Differenz nicht akzep- tieren werde. Ich will wieder den eigens für mich aufgebrühten für 100 Yen mehr.

Hauptbahnhof Tokyo, südlicher Ausgang

Hauptbahnhof Tokyo, südlicher Ausgang

Also dieser kurze Aufenthalt auf dem Hauptbahnhof in der Hauptstadt liegt zwischen Hin- und Rückfahrt.
In Tokyo wollte ich mir eine Ausstellung mit dem vielver- sprechenden Titel „Food Design“ von der jungen Kuratorin Ayako Suwa im Museum of Curiosity ansehen. Ich hatte gestern Abend im Internet recherchiert, nach- dem ich einen A4 Handzettel in Tajimi’s Ceramic Museum fand. Das Museum of Curiosity ist ein Teil der Universität Tokoy. Angegeben war, dass man einen JR train zur Kanazawa Station nehmen soll und anschließend einen Bus.
Ich stieg in Tokyo aus und erkundigte mich beim Verlassen des Shinkansen Bahnhofsteils beiläufig nach der Verbindung zur Kanazawa Station. Man verwies mich auf die Shinkansen Line. Aha, dachte ich, eine Station zu früh ausgestiegen und trank erst einmal meinen nicht so überzeugenden Kaffee.
Dann ging ich wieder zum zentralen Eingang der Shinkansen Linien, fragte nach einem Zug zur Kanazawa Line, sprintete auf den Bahnsteig, sah die noch offenen Türen, vergewisserte mich noch des Schriftzuges Kanazawa und war schon drin. Kanazawa wurde auch brav angesagt, ich war zufrieden, aber irgendwie doch irritiert, dass es bis Kanazawa so viele Zwischenstationen geben sollte. Ich hatte mit einer oder zwei gerechnet.
Neben mir am Fenster einer Dreiersitzreihe sass ein business-like gekleideter Herr und beschäftigte sich mit seinem Mittagessen, Reis mit see food und gelblichem Kaviar. Nach der ersten Station Ueno und einer erneuten Aufzählung all der Stationen dorthin sprach ich meinen Sitznachbarn an . Ich vergewisserte mich, dass es tatsächlich der Zug nach Kanzawa war, fragte aber noch, ob es eine Station gleichen Namens in Tokyo geben würde. „Kanazawa ist etwa drei Zugstunden entfernt“, hörte ich. Jetzt war ich ein wenig konsterniert; ich wollte ja nach Tokyo und um für die große, für mich unübersichtliche Stadt eine Struktur zu haben, war der Ausstellungsbesuch meine Anlaufadressen. Kanazawa außerhalb von Tokyo war nicht Teil meines Tagesplans. Mein Sitznachbar aß sein Mittagessen, schneller als vorgesehen, zu Ende, holte seinen PC aus der Tasche und rief das von mir angegebene Museum auf. Es war die Seite, die ich auch gesehen hatte. Eine gewisse Ratlosig- keit macht sich auch bei meinem Nachbarn breit. Er meinte, dieses Museum scheine zur Universität Tokyo zu gehören, aber es wäre sicher in Kanazawa. „Und wo ist Kanazawa?“, fragte ich, denn mein Nachbar wollte dorthin. Er rief eine Karte auf und zeigte mir, dass die Stadt genau an der anderen Küstenseite der Insel (westliche nämlich) liegt.
Dann konnte ich von dortaus ja auch wieder zurück nach Osaka fahren, aber die Ausstellung konnte ich zeitlich ganz sicher nicht mehr sehen. Der Nachbar, der derzeit in Osaka lebt, hielt das nicht für eine sinnvolle Idee; irgendwie schien das Schwierigkeiten zu bereiten.
“Ich fahre zurück nach Osaka und werde den Museumsbesuch am kommenden Sonntag machen“, beschloß ich, es auch gleich aussprechend. Mein Nachbar suchte mir per Internet gleich die entsprechende Zugverbindung heraus: mit dem Zug namens „Thunderbird“ werden ich von Osaka 8.10 Uhr losfahren und bin um 10.49 Uhr dann tatsächlich in Kanazawa.
Jetzt ist es 14.45 Uhr und ich sitze im Shinkansen zurück nach Osaka. Er fährt übrigens mit einer leicht veränderte Stationenfolge zu meinem Ziel. Bei der dichten Zugfolge der Shinkansen ist das eine sinnvolle Möglichkeit, viele unterschiedliche destinationen zu erreichen.

plötzlich gibt es ein Mosaik in der Landschaft

plötzlich gibt es ein Mosaik in der Landschaft

Warum ist das aber nun die Reise des letzten Aufenthaltstages, die mir vorschwebte? Auf dem Rückweg von Tajimi hatte ich den Eindruck, der Tag war an genehm, weil die Stunden im Zug, insgesamt sechs, eine große Entspannung für mich waren. Dafür wollte ich mir einen ganzen Tag nehmen, mit angenehmen Sitzen, ausreichender Wärme, Bordverpflegung, wenn mir danach ist, der Möglichkeit die Landschaft im Eilverfahren zu erkunden und dabei zu dösen oder zu lesen. Und ein wenig auch das schon zu Hause bezahlte nicht ganz billige Dreiwochenpauschalticket ein wenig zu strapazieren. Davon habe ich ja heute schon ein wenig genossen.
Seit ich das Gefühl habe, so sollte mein letzter Japan-Tag aussehen, interessiert mich wieder, was vor den Fenstern ist. Ich schaue hinaus.
Der Himmel bedeckt sich, über mir hängen schwere grau-weisse Regenwolken. Die nach Raffinerie aussehenden Industriekomplexe neben den Bahngleisen steuern ihren weißen Rauch noch zum grauen Gemälde bei. Sie erwecken den Eindruck eines späten Bildes aus dem Impressionismus mit Abendstimmung und Zukunftsindustrie.
Kleine viereckige Gemüseanbauflächen sind zum Greifen nahe, werden jetzt vom Schwarz eines Tunnel weggewischt und sind, gewissermaßen abgeerntet, am Ende des Tunnels wieder da. Da ist dann nur noch Grün, noch nicht als Gemüse erkennbare Farbe. Ein starker Regen trommelt aufs das Dach, und wieder ein Tunnel, und Trockenheit beim erneuten Austritt. Stimmungsvolles Abendlicht leuchtet vom Westen. Ein ummauerter Friedhof tritt nahe an die Gleise, die Berge treten vornehm zurück.
Die Frau mit dem Servicewagen kommt wieder vorbei, ich schaue auf und beobachte sie, wie sie bei jedem Drehen ihres Kopfes das freundliche Lächeln wieder auf blühen läßt.
Der Zug hält in Shizuoka, einer neuen Station auf meiner Liste der Ortsnamen.
Mit dem Lesen komme ich heute dann doch nicht so weit, wie ich mir das für den letzten Tag vorgestellt hatte. Aber die Anregungen aus dem Briefwechsel von Max Frisch und Uwe Johnson sind ja schon weitgehend gespeichert und deren Auseinandersetzung mit dem Autobiographischen in Romanen ist ja kein Tagesthema. Ein Reisethema ist es allerdings für mich schon, denn Reisen ist ja auch immer eine Entfernung vom Heimatlichen, Alltäglichen und dem geselligen und kommunikativen Ich.
Der Himmel hat aufgeklart, eine mit gotischen Spitzen übersäte Kirche steht in Sichtweite in der Stadt, gut positioniert in einem Ring sie umgebender Hochhäuser.
Die Berge sind längst zurückgetreten, Japan kann wieder als Wasserlandschaft gesehen werden und die Freizeitsportler nehmen die Überschwemmungsfläche an dem nur wenig gefüllten Fluss wieder für ihr Baseball-Spiel in Anspruch. Es folgen doch wieder leichte Hügel und ein Tee-Anbaugebiet, das mir schon bei der Hinfahrt aufgefallen ist.
Es ist immer wieder verwunderlich wie dicht und einträglich Wohnbereiche und technische Industrieanlagen beieinander stehen. Es ist zuerst eine ästhetische Irritation, erst beim Nachdenken darüber wird es auch eine gesundheitliche. Neben einem Shiseido Produktionsgebäude steht eine zeitgemäß-moderne „saubere“ Architektur. In Japan ist das wohl ein wichtiger Imagefaktor, den überaus „grünen“ Slogans in der Werbung vergleichbar.
Der Nachmittag wird wieder heller. Es ist 15.35 Uhr. Mein Hiukari superexpress Nr. 475 ist in Hamamatsu.
Noch zwei Stationen bis Osaka: Nagoya und Kyoto. Noch etwas mehr als eineinhalb Stunden Fahrtzeit. Um 17.15 Uhr bin ich wieder in Osaka am Hauptbahnhof. Nur noch ein paar letzte Stationen mit der Loop Line zu meinen Tatami-Matten.

Bahnsteigblick Osaka station

Bahnsteigblick Osaka station

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