Centralis – ein ausgelöschter Ort bleibt unsichtbar

7.02.

Centralia ist eine Gemeinde, der es unter ihren Füßen oder unterm Hintern zu heiß wurde. Eine Kohlensiedlung, der von kokelnden Flötzen das Leben ausgebrannt wurde.
Sie wurde geräumt und vor 12 Jahren von der Post als nicht (mehr) existent erklärt; ihr wurde der ZIP Code genommen. Also existiert sie nicht mehr. Alte Landkarten verzeichnen Centralia aber noch und das TomTom findet sie auch noch.

 

Amish Land_Friedhof

Amish Land_Friedhof

Eine moderne Amish_Kutsche

Eine moderne Amish_Kutsche

Wenn man sich vom TomTom nicht auf dem schnellsten Weg von State College nach Centralia führen läßt, kann man gut einen halben Nachmittag mit der Fahrt füllen. Dann führt der Weg auf Landstraßen durch Amish Land und das heißt, durch tief hängende Wolken und nahezu menschenleere Gegenden. Vereinzelte Gehöfte passiert man, mal kleine, mal sehr respektable. Auch dem fremden, mithin ungeübten Auge fallen die vielen Friedhöfe auf. Sie liegen ohne Einzäunungen gern auf Hügeln, so als ob man den Toten weiterhin einen Blick über ihr altes Tätigkeitsfeld gewähren möchte. Ob es Wege zwischen den Gräbern gibt oder die Grabsteine einfach in einer Wiese stehen,sieht man bei Schnee natürlich nicht.
Die Landschaft besteht aus weißen Felder, die sich weit hin ziehen und aus dunklen (Straßen)Bändern, Häuser-Ansammlungen mit aufragenden Silos und Friedhöfen. Zwei Amish-Kutschen begegneten wir und einem jungen Mann in der dunklen Kleidung (ähnlich den orthodoxen Juden) mit einem zylindrischen Strohhut, der im Winter weithin auffällt.

Amish-Land_ein verstreutes Gehöft

Amish-Land_ein verstreutes Gehöft

Was typisch im Amish-Land ist, fällt kaum auf: dass die Gehöfte (meist) nicht an das Elektrizitätsnetz angeschlossen sind, also keine Leitungsmasten zu den Gehöften führen, dass zwischen den Häusern Wäsche hängt und dass der Mais in offenen Draht-“Käfigen“ aufbewahrt wird. Durch Städtchen fährt man selten.
Als der Nachmittag sich schon stark geneigt hatte, sagte das TomTom „you arrived your destination“. Wir sahen ein weißgetünchtes Haus abseits der Straße und eine russisch-orthodoxe Kirche, die hinter kahlen Bäumen hoch von einem Berghang grüßte. Keine Menschen.
Wir waren gekommen, um Überbleibseln der alten Ansiedlung zu sehen, aus der wegen der Glut im Berg die Menschen vertrieben worden waren. Wir fanden nichts. Neben einem von drei Friedhöfen, die nahe beieinander standen, gab es starke Bodenverwerfungen. Erst auf dem
Rückweg interpretierten wir sie als Auswirkungen der im Berg immer noch verschlossenen Glut.
Auch wenn man weiß, dass ein Ort geräumt und unbewohnbar gemacht wurde, vermutet man immer noch Relikte. Wir fuhren viermal über die ehemals zentrale Kreuzung und fanden keine Hinweise. Einen älteren Mann, der in einer leuchtend orangen Jacke uns entgegenkam und den wir vier Mal an verschiedenen Stellen des ehemaligen Centralia trafen, vergaßen wir zu fragen, so sehr wollten wir etwas finden. Bergab gab es eine kleine Kohlensiedlung, in der noch die Einfahrt zu einem Stollen war, in den man ab April noch einfahren konnte.

Alter Stollen in Mt.Camel. Auf dem Weg dorthin wurde Alex. Rae erschossen

Alter Stollen in Mt.Camel.
Auf dem Weg dorthin wurde Alex. Rae erschossen

Auch da scheint aber Kohle schon längst nicht mehr abgebaut worden sein.
In der Mitte des 19.Jahrhundert war die Kohle zusammen mit Eisenerzen die Hefe für die Prosperität Pennsyvanias – und es waren immer wieder Einzelne, die die Entwicklung fortführten. Oder es wird in erklärenden Texten immer wieder nur von Einzelnen, von Helden, geschrieben. Für Centralia war es der Bergwerksingenieur Alexander Rae, der auf einer Hügelkuppe 1842 eine Siedlung plante, die für Bergleute zur neuen Heimat werden sollte. Ab 1856 wurde Kohle abgebaut und damit erwachte der Ort zum Leben, wurde aber zugleich von Centreville in Centralia umbenannt, weil es schon ein Centreville im benachbarten Schuykill County gab. Kohleabbau wurde offensichtlich als eine „zentrales“ Anliegen der „neuen“ Zeit verstanden.
Der Gründer Alexander Rae wurde übrigens schon 1868 ermordet, angeblich von einer geheimes irischen Geheimorganisation. Gründe dafür findet man bei Wikipedia nicht angegeben, aber Hinweise, dass schon damals die Minenbesitzer sich willige billigere , nicht englisch sprechende Arbeiter aus Übersee holten, was den einheimischen den Lebensunterhalt raubte.
Steigt man in die Geschichte des Ortes ein, kommt man auch schnell in die Geschichte des amerikanischen Kapitalismus, die blutiger ist, als wir es uns heute gerne vorstellen.

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