Auch der Anfang hat einen Anfang

2015.02.04

… – zumindest, wenn es sich nicht um die Erschaffung der Welt handelt.
Bei meinen letzten China-Reisen fiel mir auf, dass ein Fremdeln immer dann unterblieb, wenn ich vorher etwas gelesen hatte, das mir wie ein Cicerone half. Für China waren es Richard Wilhelm, der als deutscher Missionar Ende des 19.Jahrhunderts nach Qingdao kam und einer der wichtigsten frühen Sinologen wurde, und Pierre Loti, der französische Berufsoffizier und Autor, der gern als französischer Mandarin bezeichnet wurde. Sein Kriegstagebuch aus der Zeit des sog. Boxer-Aufstandes hat mir Peking geöffnet . Dabei spielte es keine Rolle, dass Richard Wilhelm ein aufgeschlossener, geradezu progressiver Mensch war, während Pierre Loti als recht konservativ bezeichnet werden muß.
Die Bücher der beiden Autoren fielen mir zufällig in die Hände. Pierre Lotis (Les Derniers Jours de Pékin, 1902) Buch warf ich mehr achtlos 2012 in den Koffer, verwundert, dass ich dieses (mir unbekannte) Buch besass.
Für die aktuelle Reise in drei Abschnitten (USA – Japan – China) wollte ich gezielt vorgehen und landete im Dickicht der rationalen Entscheidungszwänge.
Für das mir noch unbekannte Japan halfen mir eine Autoren Erwähnung im Gespräch und eine Ausstellungsrezension in der Süddeutschen Zeitung . Die Erwähnung bezog sich auf Haruki Murakami. Auf gut Glück las ich „Kafka am Strand“ und fühlte mich nach 550 Seiten schon recht heimatlich in japanischen Gefilden, den inneren zumindest. In Dresden werden im Japanischen Palais in einer ungewöhnlichen Ausstellung unter dem Titel „Die Logik des Regens (logical rain)“ noch bis zum 22. Februar Katagami, Papierfärbeschablonen für Samurai-Stoffe, präsentiert. Dresden hat die weltweit größte Sammlung dieser Schablonen und für diese erstmalige Präsentation (nach 125 Jahren Archivleben) gibt es ein umfangreiches kostenloses Erläuterungsheft für die Besucher, das eine hochinteressante, glänzend recherchierte und geschriebene Kulturgeschichte des Kulturtransfers ist. Ich habe die Ausstellung leider nicht mehr sehen könne, aber das 51 Seiten starke Heft hat mich ganz in den Bann der Zeit des kulturellen und gesellschaftlichen Umschwungs im Japan der Jahrhundertwende 19./20. Jahrhundert geführt.
Diese 600 Seiten Text haben mich neugierig – wirklich gierig auf dieses Neue – gemacht und dann blieb mir nur noch das geistige Ticket für die Vereinigten Staaten. Da hatte ich schon Vorkenntnisse, aber sie führten mich in meine biographische Vergangenheit, machten nicht wirklich neugierig auf Neues. Kurz vor dem Zuklappen des Rollis legte ich eine „alte“, nie abgeschlossene Lektüre hinzu: Peter Handkes „Der kurze Brief zum langen Abschied“. Es ist ein Amerika-, ein Abschieds- und ein Selbsterkennungsbuch, geschrieben 1971, und ebenfalls eine Auseinandersetzung mit kulturellen Unterschieden.
Mit diesen Eindrücken und Hilfen begann meine Reise. – Und New York empfing mich, weil ich es dieses Mal nicht durchlaufen wollte, mit seiner backside, den Rück-Sichten ins späte 19.Jahrhundert und erinnerte mich damit an meine Designgeschichts-Vorlesungen. Semesterende und Reiseanfang fielen zusammen.

New York Tangente 1

New York Tangente 1

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Ein Gedanke zu „Auch der Anfang hat einen Anfang

  1. mueckeh

    Guten Abend, Herr Thiel! Gerade zwei Tage später (6.2.15) habe ich meine Linkliste durchforstet und bin auf diesen neuen Artikel gestoßen. Das war wohl ein guter Riecher … Gute Reise! Da werden Sie wohl noch eine ganze Weile unterwegs sein? Interessante Hinweise auf passende Lektüre. (Während ich den Artikel las, erklang gerade aus dem Radio, das ich ausnahmsweise mal nebenbei laufen hatte, eine Bach-Violinsolo-Partita- Klang gut dazu.)
    Herzliche Grüße aus dem jetzt knackig kalten und sonnigen Ricklingen, Helge Mücke

    Antwort

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