Von der Freundlichkeit der Schweigsamen oder vom ungarischen Redefluss

Dienstag

Die Ungarn reden gerne viel und laut. Im Café übertönten zwei junge Männer am Nebentisch sogar den Klavierspieler, der schon um seine Anwesenheit nachdrücklich deutlich zu machen, nicht zu sanft in die Tasten griff. Wenn es aber nicht um Gespräche beim Gehen auf der Straße oder im Café geht, dann ist man in Ungarn recht still. An Supermarktkassen oder an Postschaltern geht es nicht nur gesittet, sondern auch fast schweigend zu. Die Ungarn haben dabei nicht das Reden vergessen, aber sie haben die Lautstärke so stark gedimmt, dass man als Tourist kaum mehr als ein Gemurmel hört.
Auf der Straße warten die Ungarn – und das sind nicht nur einzelne – geduldig, bis die Touristen mit ihren Kameras das Motiv gut und sauber abgelichtet haben und passieren erst dann den Raum zwischen Kamera und Motiv. Wenn man, aus Versehen, den gesamten Bürgersteig in Anspruch nimmt, warten sie geduldig, bis sich eine Gelevenheit ergibt, ohne zu stören an den Gästen vorbei zu flanieren. Dabei bedanken sie sich dann murmelnd und das wieder so leise, dass man ein wenig über die Sanftheit erschrickt. Das ist nicht immer so, aber meistens. Die Ausnahme bilden junge, großgewachsene junge Männer, die zu viert nebeneinander auf dem Trottoire mit dem Fahrrad fahren und wahre Equilibristikkunststücke ausführen, um ja niemanden umzufahren, aber die eigene Formation auch um keinen Preis aufzulösen. Sie reden dann gerne ungarisch laut mit sich selbst oder als Anmache zu jungen Frauen, die sie gerade passieren.
Heute ging ich zur Post, um die letzten Briefmarken für Postkarten nach Hause zu kaufen. Im Taschenlexikon hatte ich die zwei Wörter für „drei Briefmarken“ (három bélyeg) nachgeschlagen, mehrfach vor mich hin gesagt und dem Schaltermann serviert. Ich wollte zeigen, dass ich ihm nicht nur fremde Sprachkenntnisse abfordern, sondern selber auch welche liefern wollte. Schweigsam, mit einem feinen Lächeln, druckte er eine Marke aus und klebte sie auf die Postkarte. „260 Forint“ gab er in Deutsch zurück. Nun wollte ich aber insgesamt 3 Marken haben. Also redete ich in deutsch mit ihm weiter, bekam meine Marken, den Gesamtpreis und ein lautstarkes „Willkommen in Ungarn“ nebst weiteren Freundlichkeiten, die mich so unvorbereitet trafen, dass ich schon fast an der Tür war und meine Ohren längst auf andere Geräuschte eingestellt hatte. Auch der junge Mann am Käseschalter in der kleinen Markthalle für den täglichen Einkauf kramt gern alle seine deutschen Wörter über die tatsächlich ausserordentliche Geschmacksqualität seines Angebots hervor und unterstreicht damit seine bedächtigen Bewegungen. Ungarn, das so nebenbei, führt ein entschleunigtes Leben. Das kommt dem Erlernen der Sprache sehr entgegen, wenn man dazu Lust hat.

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