Ankommen am Niagara Fall _ budapest 1

Texte und Gedanken zwischen 31.08. und 19.09.2014

Sonntag
Wieder in Budapest, wieder in etwa zur gleichen Zeit wie im vergan- genen Jahr, wieder in der gleichen Wohnung. Die ersten Tage sind Wiederholungen der gesammelten Erinnerungen: der Gang zum Supermarkt, das Warten auf den Montag, an dem die kleine Markt- halle, hundert Meter entfernt, wieder öffnet, das erste Essen wieder in der kleinen Küchenzeile gekocht ist. Das Wetter ist ebenfalls ganz ähnlich, die Wettervorschau hatte das erwarten lassen.
Das Gefühl ordnet Umgebung und Situation als bekannt ein, ein Stück weit auch als vertraut. Die Stadt aber erkennt einen nicht wieder. Sie muss man sich wieder aneignen. Um es der Stadt und sich selbst einfacher zu machen, geht man wieder die vertrauten Wege, Neues muss noch warten. Doch ohne Neues gibt es auch kein Vertrautes. Denn vieles vom Neuen liegt direkt neben dem Vertrauten.
Der erste richtige, weil notwendige Weg führt zum West-Bahnhof. Es ist Sonntag und die Reste vom Reiseproviant gehen zur Neige. Also sollte man wissen, wo es noch etwas zu kaufen gibt. Hat der Supermarkt auch am Sonntag auf oder gleich zum Bahnhof, der sich zu Hause ja längst zum Ersatzsupermarkt entwickelt hat.
Neben dem Westbahnhof gibt es ein Einkaufszentrum, entnimmt meine Begleiterin dem Reiseführer. Am Westbahnhof war ich häufi- ger, weil er noch so viele alte Räume und Einrichtungen aus der vor- letzten Jahrhundertwende hat und, sehr weit im Osten, von Gustav Eiffel und seiner Firma gebaut wurde. Aber von einem Westend Zentrum wußte ich nichts. Das Zentrum ist auch am Sonntag geöff- net, ja geradezu überlaufen, aber einen Lebensmittelladen gibt es nicht. Trotzdem verhungert man im Westend Zentrum nicht. Es ist ein chicker Treffpunkt und die Läden sehen so aus, wie sie heute aussehen, wenn sie Erfolg haben oder Erfolg vorgaukeln. Pärchen und junge Familien sind in der Überzahl.

Seit 1999 an der Westseite des West-Bahnhofs
Seit 1999 an der Westseite des West-Bahnhofs

Das Westend Zentrum ist neu für mich; durch zwei sehr ähnliche war ich im vergangenen Jahr gegangen, beide deutlich entfernt vom Stadtzentrum. Hier macht es irgendwie mehr Eindruck, obwohl weder die Architektur noch die Einrichtung oder die Geschäfte deutlich anders sind.

 

 

Der Niagara Fall, zwar glatt, aber geräusch- und geruchsintensiv

Der Niagara Fall, zwar glatt, aber geräusch- und geruchsintensiv

Neu ist für mich: Der Niagara-Fall riecht nach Chlor – nicht nur ein bißchen, sondern penetrant. Betritt man das fünfzehn Jahre alte West-End City Center, rauscht es mächtig und riecht durchdringlicher als aus jedem Budapester Wasserhahn. Eine etwa vierzig Meter lange Natursteinwand über die gesamte Höhe des Einkaufszentrum (4 Etagen) wird von rieselnden und stürzenden Wassern benetzt. In einen Findling angehauen ist der Hinweis, dass dieses künstliche Wasser-Schauspiel ein Geschenk des kanadischen Staates zum Millenium ist.
Das eigentlich trinkbare und qualitativ gute Wasser wird in Budapest so stark mit Chlor versetzt, dass man mit geschlossenen Augen jeden Wasserstrahl findet.

Imposant und sonntäglich frequentiert

Imposant und sonntäglich frequentiert

Im Trubel gibt es auch immer verschwiegene Ecken

Im Trubel gibt es auch immer verschwiegene Ecken

 

 

 

 

 

Zielstrebig auf dem Weg zur Schnäppchen-Ebene

Zielstrebig auf dem Weg zur Schnäppchen-Ebene

In der -1 Ebene geht es auch ganz billig zu

In der -1 Ebene geht es auch ganz billig zu

 

 

 

 

Kommt man aus Glitzer und Glanz wieder an die ungechlorte Luft, dann empfängt einen die ungarische Mischung aus überlebtem Sozialismus und nicht durchgestandenem Wirtschaftswunder. Die Umgebung des Nygati Platzes (Nygati ter), eine Kreuzung von vier verkehrsträchtigen nord-süd west-ost Straßen, ist so häßlich, dass es einem geradezu den Atem verschlägt. Rost, Staub und die perfekte Ästhetik des Daneben geben weder dem eigentlich immer noch prachtvollen Bahnhof und der weitgehend erhaltenen Doppelmonarchie-Achi- tektur noch dem akzeptablen Westend Zentrum eine Chance, das Leben des ausgehenden 20.Jahrhunderts zu charakterisieren. Ans 21. Jahrhundert wagt man da erst garnicht zu denken.

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