Reisen bildet…Zeichen

Kiyoko Kozawa beim plein air Malen sommerlich fröhlicher Herbstblätter

 

„Reisen bildet“, heißt es im Deutschen kurz und bündig. Man sieht sich dabei selbst in der aktiven Rolle; man verlässt das Vertraute und begibt sich ins andere, das durchaus fremd sein kann. Man lässt den Schutz der vertrauten Gemeinschaft hinter sich. Auch wenn das für die heutige Zeit und den Standard des Reisens nicht mehr zutrifft, die Sprache erinnert uns an Ursprünge und Ausgangspunkte. Wie sieht es aber aus, wenn man zu Hause bleibt und die Reisenden zu einem kommen? Bildet auch das bereist werden? Bilden die ankommenden Reisenden die Zuhause Gebliebenen? Die Frage tauchte nach einem halben Nachmittag anregender Gespräche mit zwei japanischen Künstlerinnen, einem japanischen Künstler und zwei Brasilianern in mir auf. Es ist so selbstverständlich, sie nach den Eindrücken des für sie Neuen zu fragen. Irgendwie ist man dabei neugierig darauf, wie fremd ihnen das für einen selbst Vertraute ist.

Eingeladen wurden die Künstler_innen zum „Internationalen Workshop Zeichnen“, der seit 2001 in Hannover stattfinde, in diesem Jahr zum 12. Mal. Genauer müsste man sagen: der auch in Hannover stattfindet. Denn ähnliche Workshop gibt es in Dänemark (von wo sie ihren Ausgang nahmen) in Japan. In Holland und Polen gab es sie auch und in Brasilien soll auch ein Workshop etabliert werden. Durch ein solches Netzwerk wird Fremde und Heimat für die Teilnehmenden immer wieder verbunden.

Ein Familienportrait von Julio Barreto, zusammengesetzt aus vielen kleinen Quadraten

Ein Familienportrait von Julio Barrito, zusammengesetzt aus vielen kleinen Quadraten

Das Stephansstift (Kirchröder Str. 44, Haltestelle Nackenberg) biete Unterkunft und Verpflegung, das Atelier von Gunnar Klenke Arbeitsmaterialien und Arbeitsplätze während zweier Wochen. Klenke ist mehrfach beim japanischen Workshop Partner in Nagoya gewesen, ebenso der Hildesheimer Zeichner und Bildhauer Erwin Legl. Von den aktuellen Gästen ist der Brasilianer Carlos Matuck zum zweiten Mal in Hannover. Beim ersten Besuch 2010 hatte er den hannoverschen Flohmarkt nach alten Familienfotos durchsucht und ich habe mich rasch mit ihm fast ausschließlich über familiäre Wanderwege unterhalten. Nach wie vor ist er beim Thema Portraits und Familien. Sein Familienname Matuck regt natürlich zu Nachfragen und zum Austausch an; seine Familie ist schon vor mehr als einhundert Jahren nach Brasilien eingewandert, aus dem Libanon, aber sein Familienname ist ebenfalls im osteuropäischen Raum zu Hause. Seine Zeichnungen sind so wenig fremd wie die seines Kollegen Julio Barrito, der die international aktuelle Kunst in den von Europa und Amerika geprägten Ländern gleichermaßen verankert sieht.

Der Japaner Taka lebt in Düsseldorf und lehrt in Japan. Er lebt und arbeitet zwischen den Kulturen

Der Japaner Taka lebt in Düsseldorf und lehrt in Japan. Er lebt und arbeitet zwischen den Kulturen

Die Arbeiten der drei japanischen Teilnehmer sind dafür eine sanfte und harmonische Ergänzung; auf ihren Blättern verschmelzen asiatische Tradition und westlich geprägte Modernität. In ihren Arbeiten klingen der starke und prägende Eindruck der chinesischen und japanischen Kultur auf Kunst und Lebensgefühl des 19. Jahrhunderts in Europa nach.

Zeichnungen und Gespräche unterstreichen, wie vertraut wir doch schon miteinander umgehen können, verdeckt aber auch, dass nicht das alltägliche Leben damit gemeint ist. Mich haben die Blicke auf die Blätter und der Austausch von Vertrautem und Fremden im Gespräch gedanklich wieder in die Ferne gezogen und darin bestärkt, dass miteinander Leben die Krönung der (Reise)Bildung ist.

 

Bis zum 5. September arbeiten die Künstler_innen noch in der alten Bäckerei im Stephansstift und teilen ihre Kreativität und ihre kommunikative Freude gerne mit interessierten Besuchern.

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