WK I: Kunst und Grauen. (Ge)Denken woran?

„Schlachtfelder“ ist die Ausstellung im Sprengel Museum betitelt, die anläßlich des 100jährigen Gedenkens an den Ersten Weltkrieg in den Grafik-Räumen zusammen gestellt wurde. 121 Arbeiten von 31 Künstlern (ausschließlich aus dem eigenen bestand) zeigen eine Auseinandersetzung mit kriegerischen Aspekten von den Bauernkriegen bis zum Zweiten Irakkrieg und 9/11 und dem Water Boarding in Guantanamo. Die frühen und die späten Auseinandersetzungen mit kriegerischer Gewalt umrahmen allerdings die Auseinanders-etzungen mit dem Ersten und (weit eingeschränkter) dem Zweiten Weltkrieg nur. Im Zen-trum der „Schlachtfelder“ steht der Erste Weltkrieg. Er war der erste Graben- und Stellungskrieg und hat von daher unser Bild vom Schlachtfeld am tiefsten geprägt. Wobei das „uns“ sich auf die Zeitgenossen bezieht, die beide Weltkriege nicht mehr in ihrem „Schlachten“ erlebt haben. Wer ein eigenes Erleben hat, wird mit den „Schlachtfeldern“ der Künstler anders umgehen. Auch wenn ich noch zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges geboren wurde, so habe ich nur erzählte und photografische Erinnerungen an die frühen Jahre meines Lebens, die die späten Jahre des Krieges waren.

Otto Dix, 1924 Mappe "Der Krieg"

Otto Dix, 1924 Mappe „Der Krieg“, ‚Sprengel Museum

Für mich ist Otto Dix Mappe „Der Krieg“, zehn Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges entstanden, ein Zeugnis und Teil der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Und Kunsthistoriker sprechen auch selbstverständlich über die künstlerischen und kompositorischen Aspekte der Arbeiten mit dem doch eher grauenhaften Thema. Kann man sich also bei diesem Sujet in das Grauenhafte der Darstellungen versenken? Sollte man es?

Karin Orchard, die Kuratoin der Ausstellung, vermiet solche Hinweise und verwies nur auf die Subthemen, unter denen die Arbeiten präsentiert wurden. Es gibt keine chronologische Präsentation, was eine hilfreiche Abstraktion vom Thema ist.

Kriegszeit. Künstlerflugblätter, aus den Jahren 1914-15

Kriegszeit. Künstlerflugblätter, aus den Jahren 1914-15, Foto:H.T.

Gut ablesen lassen sich die verschiedenen Formen der Distanz vom Thema seitens der Künstler. Am nächsten am Geschehen bleibt Otto Dix, auch wenn er sich fünf Jahre nach dem Ende des Krieges Zeit läßt, bevor er an Hand von etwa 600 Zeichnungen aus den Kriegsjahren die Arbeit an seiner Mappe beginnt. Von Traumatisierung der Kriegsteil-nehmer hat damals und noch lange danach niemand geredet. Mich hat vor etwa 25 Jahren die unvermutete Aussage eines Bergen-Belsen Überlebenden erschüttert und ratlos gemacht, der mir erzählte, das er immer noch jeden Abend zurück ins KZ ginge und nach einer schlaflosen Nacht nur vom Tag errettet werde. Durch diesen Hinweis habe ich mich in seine Situation versetzen können. Auch wenn die Verbindung zu den Leiden und Qualen von Tantalus und Sisyphos mich in eine Abstraktion retten konnten, so habe ich zum ersten Mal verstanden, dass man von Erlebtem manchmal nicht mehr erlöst wird.

Fritz Burger-Mühlfeld, 1915

Fritz Burger-Mühlfeld, 1915, Sprengel Museum

Bernhard Heisig Idealer soldat, 1965, Sprengel Museum

Bernhard Heisig Idealer soldat, 1965, Sprengel Museum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir leben seit fast 70 Jahren verschont von den Gräueln der Schlachtfelder. Das war zuvor kaum einer Generation vergönnt. Vielleicht können uns die Nachrichten und Visionen von bildenden Künstlern, wie in der Sprengel Ausstellung, Empathie und Mut vermitteln, dass wir die Schlachtfelder begraben, statt dass wir auf ihnen begraben werden.

 

Aufgestanden trotz Ruinen... Grethe Jürgens, 1946, Auqarell (Detail), Foto:H.T.

Aufgestanden trotz Ruinen…
Grethe Jürgens, 1946, Auqarell (Detail), Foto:H.T.

Zwei bemerkenswerte Nebeneffekte hat diese Ausstellung: In der „Phalanx“ der bekannten Namen finden sich auch, klug und treffend integriert, einige hannoverschen Künstler: Fritz Burger-Mühlfeld, Heinz Knoke, Leiv Warren Donnan und Grethe Jürgens. Letztere setzte für mich in die Dokumentation der Zerstörungen (Trümmeraquarelle) ein anrührendes Zeichen  des Überlebens und des neuen Aufstehens, indem sie traumhaft ein junges Paar auf die Fassade eines zertörten Hauses setzte. Und „Auferstanden aus Ruinen“ kam mir dabei sehr direkt und tröstlich vor.

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