Adieu Gigé merci. Zum Tode von H.R.Giger

Wir trafen uns, als wir jung waren, wir wurden älter und trafen uns nur noch gelegntlich am Telefon, aber wir blieben so jung wie zuvor. Zumindest ich fühlte mich keinen Tag älter. Aber ich sah Giger ja nicht mehr, ich hörte vor etwa fünf Jahren zum letzten Mal seine Stimme am Telefon. Er sagte mir: es hat sich nicht viel geändert, nur schwerer bin ich geworden, wie wir alle. Er mochte seine Wohnung nicht mehr verlassen, um zu einer Ausstellung nach Hannover zu kommen, wo ich ein erstes und letztes Mal meine Sammlung früher Zeichnungen und Gemälden von ihm präsentierte (2005 im bib Hannover). Es lag an der Schwere, aber er sagte nicht, an welcher Schwere es lag. An den Fotos, die ich jetzt im Zusammenhang mit den Nachrufen sah, konnte ich erahnen, welche Schwere er auch gemeint hatte.

Skizze zu Gantenbein, 1964/65

Skizze zu Gantenbein, 1964/65

Gigé, wie er in den 1960er Jahren von allen, die ihn etwas näher kannten, genannt wurde – auch von mir – verließ nie gern seine Höhle. Wir wohnten wenige Jahre Haus an Haus, Wand an Wand im Rindermarkt im Zürcher Niederdorf. Es war um die Mitte der 1960er Jahre. Ich besuchte ihn gern, denn er hörte immer die neuesten Platten der angesagten Gruppen. Merken konnte ich mir die Namen nicht. Er sass an einem kleinen Tisch und schob langsam ein großes Transcop-Papier, so wie es die Architekten benutzten, über die Kanten des Tischchens. Er zeichnete mit Tusche feine Linien oder er schabte mit einer Klinge aus einer geschwärzten Oberfläche feine Konturen und linear strukturierte Flächen. Ich schaute zu und wir schwiegen.

Tisch, keine Abb in Katalog "A rh +",1971

Tisch, keine Abb in Katalog „A rh +“,1971

Beim Arzt, 1964/65

Beim Arzt, 1964/65

 

 

 

 

 

 

Später, als er in der Grubenstrasse das erste kleine Häuschen gekauft hatte, war erst sichtbar, dass man seine Behausung als Höhle bezeichnen konnte: es gab viel Dunkelheit und schwarze Polyestermöbel. Im Zimmer nebenan stand die Staffelei, an der er in diesen frühen Jahren noch vielfach Ölfarbe auf seine Holzgründe auftrug. Vom Rindermarkt zur Grubenstrasse begleitete ihn Li, eine jungen Schauspielerin, die ihm, wenn sie frei hatte, vorlas, damit ihm die Zeit beim Malen nicht zu lang wurde. Seine Bilder waren im Kopf immer schon fertig, wenn er begann. Es war eine Geduldprobe für ihn, sie dann auch – meist über längere Zeit – auszuführen.

Im Rindermarkt herschte noch das Phantastische vor, die Zeichnungen für Urban Gwerders „Ctuhlhu News“, der seine Vorträge mit „the poet himself“ ankündigte. Giger zeichnete und schabte und seine Arbeiten verließen die kleine Wohnung mit den schiefen Dielen nur, um zur Litrhoanstalt zu gehen und dann wieder zurück zum Autor. Er stellte nicht aus und er verkaufte nicht. Das Geld zum Leben brachten die Tantiemen  von den schon damals in großen Auflagen gedruckten Postern. Um seinen „Kopf II“ (1966) besitzen zu können, habe ich mehr als zwei Jahre ständig davon reden müssen.

Passage,. in meinem Arbeitszimmer Lindener Markt, 1992

Passage,. in meinem Arbeitszimmer Lindener Markt, 1992

Danach phaszinierten mich die „Passagen“, die er 1969 malte, bunkerartige Räume, erdrückend eng und doch nie ohne eine Ahnung eines Ein- oder Ausganges. Sie waren eine konsequente Fortführung der „Schacht“-Zeichnungen aus 1966. Sie erinnern mich heute wie eine frühe Vorahnung an die Umstände seines Todes-Sturzes.

Schacht Nr.7, 1966, Kat. "A rh +", 1971

Schacht Nr.7, 1966, Kat. „A rh +“, 1971

Die Schächte und Treppen, ebenso wie Underground-Szenen (ebenfalls 1966), erklärte er mit unterirdischen Gängen in seiner Geburtsstadt Chur, die als Fluchtwege auch unter der väterlichen Apotheke zu finden waren. Erregende und beschwerende Träume hatte er immer schon und immer spielten dabei Gänge und Treppen in die Tiefen eine Rolle. Unter meinen von Wohnort zu Wohnort mitgeschleppten Erinnerungsstücken liegt noch eine alte Tonbandcasette mit Träumen von Giger, die er mir an einem einsamen Nachmittag erzählte.

Skizzen der ersten farbigen Gemälde, Transcop Papier, 2 von 3 Skizzen auf einem Querformat, unsign.

Skizzen der ersten farbigen Gemälde, Transcop Papier, 2 von 3 Skizzen auf einem Querformat, unsign.

Ich habe möglicherweise den ersten Zeitungsartikel über Giger geschrieben (im Tagesanzeiger) und 1972, ein Jahr nachdem ich Zürich verlassen hatte, seine erste Ausstellung in Deutschland im Kunstverein Kassel arangiert und eröffnet.

Diese in der Summe recht schweigsame Freundschaft zu Gigé ist all die Jahre jung geblieben und der Tod von Hans Ruedi kann ihrer Lebendigkeit keinen Abbruch tun. Mich haben die Begegnungen mit ihm ungemein bereichert. Seine Zeichnungen und Gemälde waren viele Jahre der Energiegenerator in meiner Höhle. Schon in Zürich fragten mich Freunde und Bekannte allerdings: wie kannst du das aushalten. Für mich waren und sind Gigers Arbeiten eine frische Quelle. RIP.

Anm. Alle Abbildungen, außer „Schacht Nr.7: ehem. Sammlung Heinz Thiel

 

 

 

 

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