Alles mögliche, was uns interessiert – Kurt Schwitters durchleuchtet

13.02.

Diesen so schön allgemein und doch auch geheimnisvollen Titel hat Kurt Schwitters zwischen 1919 und 1923 einem von fünf Kladden gegeben, in denen er aufhob, was ihm so zufiel. So formuliert ist das natürlich nur bedingt korrekt, aber die Ergebnisse dieser Kladden-

Sammelei und –Kleberei sind in der jüngsten Ausstellung im Sprengel Museum leider nicht durch Blättern selbst herauszufinden. Besucher müssen sich mit dem Anblick der herrlich gestalteten Umschläge und ein, zwei aufgeschlagenen Seiten zufrieden geben. Allerdings: im Nebenraum rollt ein Großteil der Inhalte per digitalem Blättern doch noch ab. Viel Zeit zum Schauen war bei der Pressekonferenz allerdings nicht – ein gesonderter Besuch muss da schon eingeplant werden.

Aber, man kann sich Kurt Schwitters Arbeit mit Schere, Pinsel, Stift, und Klebstoff auch trockener, aber hochgradig intellektueller widmen. Denn diese Ausstellung ist als Marketinginstrument für eine neue Edition der Schwitterschen Texte zusammengestellt.

Im Berliner De Gryter Verlag ist gerade ein erster Band einer neuen Gesamtausgabe der Texte und Briefe, sowie unbekannter Materialien aus dem Nachlass erschienen. Es ist der Band 3, mit dem die auf neun Bände angelegte Ausgabe beginnt.

Die beiden Herausgeberinnen dieser Reihe, Isabel Schulz, Leiterin des Kurt Schwitters Archivs im Sprengel Museum, und Ursula Kocher, Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal, verwiesen darauf, dass es bei jeder bisherigen Buchausgabe schwer gewesen sei, zwischen Texten und Kunstwerken beim Merz-Künstler zu unterscheiden. Nichts war einfach nur in eine Schublade zu stecken.

Die fünf Kladden sind offensichtlich ein sehr guter Beginn für das Herausarbeiten einer neuen Sichtweise auf das künstlerische Arbeiten von Schwitters gewesen. Schon der Blick auf die einzelnen Blätter läßt das Herz von  Chaoten (wie mich) höher schlagen, denn da bleibt nichts im Originalzustand (den im Grund aber jeder Sammler unbedingt bewahren will).

Für Schwitters ist alles Material, aber auch jede künstlerische Idee wird wieder zu neuem Material.

Fachkraft fürs Zählen gefunden - Ein Brief vom "Sturm"

Fachkraft fürs Zählen gefunden – Ein Brief vom „Sturm“

In der Kladde „Bleichsucht und Blutarmut“ (1919) findet man einen Brief von Herwarth Waldens Galerie „Der Sturm“, in dem Rudolf Blümner mitteilt, dass es gelungen wäre, „eine Dame für unser Büro zu engagieren, die nur die Aufgabe hat, ihre Bilder, gerahmte und ungerahmte, ihre Fotos, zu überwachen und zu zählen…zuerst vorwärts, dann rückwärts.“ Das kommt einem doch wahrlich revonnah vor. Im lesbaren Teil des Briefes glaubt man erahnen zu können, dass es Schwitters vielleicht in erster Linie um eine Abrechnung ging. Ob aber wirklich – läßt sich verläßlich nur in dem erschienen Band 3 nachlesen.

Der Hauptanteil an den insgesamt 1.099 Seiten werden wohl die Erläuterungen sein, die das Schwittersche Denk- und Arbeitssystem offenlegen.

Das schwarze Notizbuch. Das Rohmaterial für die Kunst. - beide Fotos: Schwitters Archiv im Sprengel Museum

Das schwarze Notizbuch. Das Rohmaterial für die Kunst. – beide Fotos: Schwitters Archiv im Sprengel Museum

Die Herausgeberinnen machten den Anwesenden den Mund damit wässrig, dass man an Hand des Buches schon einmal einen ersten Spaziergang durch Schwitters Hirn machen kann. Alles, so ein verknapptes Fazit, ist bei Schwitters zuerst einmal Material und fließt auch als geordnete oder neu gestaltete Erscheinung, etwa eines Kunstwerks, wieder in einen neuen Materialkreislauf ein. Ständige Verwandlung ist das Mühlrad des Schwitterschen Bestrebens. Und somit steht er am Anfang einer illustren Reihe  von Künstlern, die das Sammeln und Bewahren zum Lebensprinzip ihrer Kunst machten.

Der zweite Teil der Ausstellung, der unter dem Titel „Report“ künstlerische Strategien der Dokumentation präsentiert, folgt in einem eigenen Eintrag.

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