Vom Dasein & Sosein – ein Parcours der Fragezeichen

12.02.14 Frankfurt

Eingängig waren die Ausstellungen im Frankfurter Kunstverein in den vergangenen Jahren nie, die ich auf meinen Reisen besucht hatte. Immer waren sie aber anregend. Das trifft auch auf die aktuelle Installationspräsentation „Vom Dasein & Sosein“ zu (bis 13.04.14). „Skulptur, Objekt & Bühne“ verspricht, erläutert oder proklamiert der Untertitel. Beim Durchschreiten der Räume auf den drei Etagen plus Keller scheinen sich die Unterschiede in der Zuordnung vor allem auf die Anzahl der Einzelstücke zu beziehen.

Anordnung im offenen Raum – das scheint vielfach die Devise zu sein. Ich habe keine anderen Kriterien empfunden. Und ums Empfinden geht es den Kuratoren Lilian Engelmann und Holger Kube Ventura vor allem, wenn man ihrem einleitenden Text im Besucherheft folgt:

„Als moderne Stadtmenschen sind wir daran gewöhnt, die materiellen Dinge in unserer Umgebung als Vehikel, Werkzeuge, Einrichtungen oder Waren, als Optionen oder Bedingungen von Handlungern anzusehen: die Dinge existieren nicht für sich selbst, sie haben ein eigenes Dasein oder Sosein, sondern sind in erster Linie funktional.“

Es ist wahr, wir leben nicht mehr in einem Zeitalter magischer Weltvorstellungen, wie wir es (bei einiger Kenntiss) von den Jahrhunderten des Römischen Weltreiches oder davor kennen. Überbleibseln davon, etwa Picassos Furcht, zu einem Friseur zu gehen, weil man mit Haaren einen wirksamen Zauber verbinden kann, nehmen wir mit Kopfschütteln hin. An magische Kräfte glauben wir am ehesten noch bei Wellness.

Was die Kuratoren mit ihrer Ausstellung gemacht haben (wollen), verstehen sie als einen „körperlich spürbaren Parcours entlang der Begriffe ‚Skulptur’, ‚Objekt’ und ‚Bühne’.“ Kunst soll uns also lehren, die Dingwelt wieder zu spüren. Das ist gedacht als Gegenbild oder Gegenwelt der Konzeptkunst der 1960er Jahre.

Ich habe Installation(en) eher als Erschließung von Räumen verstanden (s. Kunstforum Bd. 71/72, 1984, „Ein Zweifel am Raum ist unbegründet“). Für die Frankfurter Ausstellung gibt es zu meinen Beispielen den entscheidenden Unterschied, das damals keine kunst-affinen Räume von den Künstler gesucht und benutzt wurden. „Vom Dasein & Sosein“ kann sich im Prinzip nicht mit den Räumen auseinander setzen; sie werden eher „bespielt“, also als „Bühne“ genutzt. Und da erweist sich, dass die Räume vielfach denkbar ungeeignete „Bühnen“ sind: der schwarze, glänzende Fußboden tötet Formen, Farben und Materialien.

Mein Rundgang ist mir lange nicht aus dem Kopf gegangen und die in den Raum hineingestellte Frage einer Besucherin „Verstehen Sie das?“ ebenso wenig. Die Ausstellung hat also ihre positive Wirkung getan! Befriedigt hat sie mich allerdings nicht.

"Tamara" - als Portrait verstandene Installation, offen zum Kommen und Gehen

„Tamara“ – als Portrait verstandene Installation, offen zum Kommen und Gehen

Was habe ich mitgenommen? Zuerst und vor allem die wunderbare Wandinstallation „Tamara“ von Maria Anisimowa. Dass es ein Portrait sein soll, kümmert mich nicht. Für mich verkehrt es die Erinnerung an die elterliche Schlafzimmersituation in ein leichtes, sommerliche Schweben. Den drei-teiligen  Frisierkommoden-Spiegel auf den Boden zu legen und den Blick ‚unter den Rock’ frei zu geben ist ein Salto-Mortale gegenüber der Tatsache, dass ich nie gesehen habe, das jemand eine solche Kommode nutzt (außer im Film). Das ungebrauchte Prestigemöbel wird hier zum Spielball imaginierter Lüste. Kunst ist immer schon ein Einstieg in private Gefühlswelten gewesen und es ist eine ihrer honorigen Wirkungen.

 

Maria Anisimowa - ein formales Spiel und ein fast intimer Blick

Maria Anisimowa – ein formales Spiel und ein fast intimer Blick

Angetan war ich von dem Form- und Materialspiel der Objekte von Simon Rübesamen. Für mich passen sie aber nicht auf die Sockel und nicht in Kontakt zu diesem Boden. Sie haben etwas Schwebendes, das sie aber leider nicht ausleben können. Es tauchten vage Assoziationen an Yves Tanguy Landschaften auf (die sparsamen und einsamen).

Simon -Rübesamen Ausschnitt aus der sehr verstreuten Präsentation einzelner Objekte mit kryptischen "Pin Codes" als Titel

Simon -Rübesamen Ausschnitt aus der sehr verstreuten Präsentation einzelner Objekte mit kryptischen „Pin Codes“ als Titel

Das Arrangement der Arbeiten von Sandra Havlicek hat mich irritiert; es hat den Charme eines falschen, unglücklichen Plazierens von einstmals notwendigen Dingen in einer Dachbodenecke. Ihrer Faltungswand konnte ich einiges abgewinnen, angezogen hingegen hat mich ihr aufrecht stehender, großer Schrank im Überseekoffer-Stil. Die Vielfalt von geschlossenen, aber durch Reflexionen offenen Teilen überzeugt. Sich selber im Kunstwerk wieder zu finden, kann (wie hier) ein sinnlicher Spass, aber auch ein Erschrecken sein.

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Dieser „Schrank“ ist Signal und Signet für eine altväterliche Form der Mobilität, Reisen ohne Hektik, Wohnlichkeit im Unbehausten.

SandraHavlicek_1

 

Als Einzelstückfinde ich Michael E. Smith’ untitled Baseballkappen anregend. Sie sind eine sprechende Opposition zu den glatten, flutschig erscheinenden Objekten von Rübesamen.

MichaelS

Aus der Installation von Sofia Hultén erfreuten mich die beiden Wandelemente, die viele Bilder zu ihrem Vorleben in mein Gehirnkino einspeisten. Die Halterungen von Air Condition Apparaturen, die gemeinhin an der Außenwand hängen, nach innen zukehren, um sie ‚ins Leere’ laufen zu lassen eröffnet interessante Aspekte, auch wenn mir die Gesamtinstallation noch nicht viel sagt. Immerhin erwäge ich, mir ihre Ausstellung in Braunschweig anzusehen.

SofiaHulten

Im Grund also: ein gutes Ergebnis. Bei denTexten, die mehrheitlich im Soziologen-Management-Fachvokabular formuliert sind, steigt bei mir aber auch nach mehrmaligem Lesen der Ärger hoch. Sie sind keine Einladung zum Kunstverständnis.

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