Esprit Montmartre, Schirn

10.02.  Hinab zu den Müttern unserer Befindlichkeit: Montmartres Maske ein wenig gelüftet.

Ein Besuch in der Ausstellung der Schirn in Frankfurt

le marquis - ein Blick auf die Lebensbdingungen um 1900

le marquis – ein Blick auf die Lebensbdingungen um 1900

malen vor den Mühlen - die Idylle im Kopf und auf dem Foto. Fotos: Schirn

malen vor den Mühlen – die Idylle im Kopf und auf dem Foto. Fotos: Schirn

Als Jimmy Ernst 1937 von einem Besuch seines Vaters Max, dessen Freunden und Freundinnen, dem spanischen Pavillon mit Picassos „Guernica“ und seiner Mutter Lou Strauss-Ernst zurück nach Heiligenstadt zur Druckerei Augustin im Zug sass, waren die Abteile „voll betrunkener deutscher Toursiten, die lauthals prahlten, was sie mit „den dreckigen französischen Huren“ in den Bars und Bordellen so angestellt hätten. Ja, sie fuhren „nach Hause“. In die Heimat, „wo man die Frauen unterscheiden kann, weil nur Prostituierte sich anmalen“. (S.166[1]) – [1] Jimmy Ernst: Nicht gerade ein Stilleben. Erinnerungen an meinen Vater Max Ernst,Köln 1985

„Die beiden, die ich letzte Nacht hatte, waren sogar am Körper bemalt und rochen zwischen den Beinen nach Parfüm“, notiert Jimmy Ernst weiter von den Gesprächen.

Über Montmartre scheint auch heute noch, 77 Jahre danach, ein gewisses Kribbeln liegen, trotz aller Porno-Videos im Internet.

die weniger glam,ouröse Seite  des Lebens von Künstlern und Modellen (Zeichnung von Auguste Chabaud, nicht in der Ausstellung). Foto: internet

die weniger glam,ouröse Seite des Lebens von Künstlern und Modellen (Zeichnung von Auguste Chabaud, nicht in der Ausstellung). Foto: internet

Die Frankfurter Kunsthalle Schirn eröffnete in der vergangenen Woche eine umfangreiche Ausstellung mit dem Titel „Esprit Montmartre. Die Bohème in Paris um 1900“ und am gleichen Tag bewarb der Kunstversand Frölich & Kaufmann den Katalog mit dem charakterisierenden Rundumschlag:

„Liebe, Laster, Lust und Gier: düster, elegant, attraktiv, schonungslos realistisch! So lässt sich die groß angelegte Frankfurter Ausstellung »Esprit Montmartre. Die Bohème in Paris um 1900« charakterisieren. Die Schirn zeigt (seit gestern) mehr als 200 Werke, die alle Aspekte des legendären Pariser Schmelztiegels darstellen. »Außenseiter unter sich: Die Künstler empfanden eine große Nähe zu Tänzerinnen und Sängern in den Cabarets, aber auch zu den Prostituierten im Viertel« (FAZ). Das Buch zur Ausstellung, verspricht das Deutschlandradio Kultur, »ist eine einzige Soziologie in Bildern, in ihm ist alles zu sehen, was Glanz und Elend vom Montmartre ausmacht. Denn Montmartre war die Gegenwelt zum mondänen Paris der breiten Boulevards, der großen Plätze, der glanzvollen Fassaden. Das dörflich ärmliche Viertel zog Künstler wie van Gogh, Degas, Toulouse-Lautrec oder Picasso magisch an.« Zum Staunen! „[2]  Wahrhaftig – zum Staunen. – [2] Frölich & Kaufmann, newsletter 6/2014

Schirn_Presse_Montmartre_Anquetin_Femme_a_la_Voilette_1891

Plakatmotiv: Louis Anquetin, Ausschnitt. Foto:Schirn

Umfangreiche, teure Ausstellungen – und gerade eine zum Thema der Boheme in Paris – brauchen Aufmerksamkeit, sie haben den Trend zum ´Blockbuster, nicht anders als beim Film auch. So gibt sich hier auch Amundi,“eine der führenden europäischen  Fondgesellschaften“, die Ehre, diese Ausstellung zu unterstützen. Den dazu notwendigen Aufmerksamkeitscharakter versprach sich die Schirn wohl mit einem Ausschnitt aus dem Ölgemälde „Femme à la voilette“ (1891) von Louis Anquetin auf dem Plakat. Es zeigt das weiß geschminkte Gesicht einer Frau in einem leuchtend grünen Gewand mit Feder- oder Wollkragen. Über dem Gesicht liegen grünliche Punkte verstreut, die dem Titel gemäß auf einen kurzen Schleier verweisen.

Bei der Pressekonferenz verwies die Kuratorin Ingrid Pfeiffer darauf, dass die weiße Schminke aufgetragen wurde, um die Geschwüre der Syphillis zu überdecken. Den Hinweis auf die Inspiration durch die noch stark in Mode stehenden japanischen Grafiken (die über Siegfried Bings Galerie „L’Art Modern“ in ganz Europa verbreitet wurden) versagte sie sich, aber man findet ihn in der Anquetin-Biographie im Katalog.

Interessant ist der Nachsatz von Ingrid Pfeiffer, dass über solche Alltagssituationen, die in Kunstwerken „benannt“ werden, in Kunstausstellungen nie aufgeklärt wird. Auch ich hätte ausschließlich und spontan auf die weiß geschminkten Gesichter in den japanischen Grafiken hingewiesen.

Die Kuratorin wollte ein etwas anderes Bild der Kunst und Kunstszene der vorletzten Jahrhundertwende zeigen; sie wollte auch andere, als die vertrauten Tänzerinnenbilder präsentieren.

Sie hat es eingehalten, auch wenn das (Katalog)Marketing ihr dabei arg in die Parade gefahren ist.

Diese Ausstellung soll zeigen, dass die beklatschten und bewunderten Künstler des Montmartre keine Traumtänzer waren, sondern Realisten. In der Ausstellung wird dem Glanz der farbigen elektrischen Beleuchtung (die neueste Alltagstechnologie der Zeit) die Tristesse der damaligen Gentrifizierung gegenüber gestellt.

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Pablo Picasso: Figure féminine, 1902/03. Wortlos drastisch. An Klarheit nicht zu überbieten.

Der Ausstellungsraum ist in seiner Länge mittig geteilt, man absolviert einen leicht geschlängelten elliptischen Parcours, vage Andeutung einer römischen Wagenrennbahn. So defiliert man an acht Themeninseln vorbei, vom „Ort der Außenseiter und sozialen Veränderung“ über „Modelle, Tänzerinnen und Prostituierte“, zum „Netzwerk der Künstler und Kunsthändler“ und zur „Traumwelt Zirkus“. Jede Insel hat ihren eigenen Charakter. In der „Außenseiter“-Insel trifft Picasso auf Steinlen und Chabaud (großartig sein „blinder Bettler“ von 1907).  Und augenblicklich versteht man die Situation, in der die Menschen dieser Zeit lebten – ob Bohèmiens, Künster oder die „Verdammten dieser Erde“. Einen gesteigerten Gewinn hat man, wenn man sich zusätzlich ein wenig auskennt im Schrifttum der Zeit, in Kunst- und Photographiegeschichte. Das ist ganz besonders hilfreich, wenn man beim „Netzwerk der Künstler und Kunsthändler“ auf das gegenseitige Portraitieren und die Portraits der Kunsthändler (ausgestellt vor allem Amboise Vollard) trifft. Die Sozialgeschichte des Künstlerlebens während der Bohémien-Zeit ist noch nicht geschrieben – und in Gemälden und Zeichnungen oft nur kryptisch zu lesen. Erhellend ist in der Präsentation das sehr sachliche Aufzeigen, wie so etwas geschah – etwa im „Portrait réciproque“ von 1890 (Santiago Rusiñol/Ramon Casas).

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Doppelportrait = Wertschätzung und Hinweis, dass man für sich und seinesgleichen malt.

Immer wieder findet man in der Ausstellung solche Ansatzpunkte, sich in die Härte des Alltags auch des bohémienhaften Künstlerlebens hineinzuversetzen. Und an Hand der immer wieder eingestreuten kleinen Skizzenblätter lassen sich Qualitäten ablesen. Besonders stechen dabei Toulouse-Lautrec und Picasso heraus; ihre Blätter schreien auf sehr leise Weise.

Anfang oder Ende der Ausstellung bewegen sie zwischen dem Foto- und dem Malerblick auf das Montmartre der vorletzten Jahrhundertwende: dem sachlichen Blick der Fotografen, die Bilder liefern, die uns heute nostalgische Empfindungen einflößen, und dem desillusionierten Blick der Maler, die uns nun als Vorläufer einer Neuen Sachlichkeit erscheinen und uns immer noch aufrütteln.

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Auguste Chabard: Tristesse á la Neue Sachlichkeit. Montmartre mit Baustelle Sacre Coeur, 1907

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Pierre Bonnard, 1900. Auch damals wurde Bauzäune mit Werbung beklebt. Bring Farbe ins Grau.

Und für noch einen Spannungsbogen sorgte die Ausstellung bei mir: zwischen den Zaunbilder von Auguste Chabaud und Pierre Bonnard, den Zeichen von Flächensanierung plus trügerischem Versprechen einer glücklichen Zukunft und der alltäglichen Schwermut in Toulouse-Lautrecs „Femme tirant san bas“ (1894). Auch hier bemerkt man dann die weissen Gesichter und denkt nicht mehr an japanische Geishas.

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Toulouse-Lautrec: Ausschnitt aus „Femme tirant son bas“, 1894. Foto: H.T.

Die Ausstellung baut mit 220 Einzelbildern eine weit zurückliegende und dennoch mit jedem Museumsbesuch aktuelle Welt in uns auf, wenn wir die Bilder nur genau genug betrachten. Auch Schauen braucht Zeit.

 

p.s. Eine interessante Variante für ein frühes „Besetzen“ des Themas „Montmartre“ brachte „Die Zeit“, Nr.7 vom 6.02.: Unter dem Titel „Und unten Paris“ und mit zwei prominenten Abbildungen aus der Ausstellung brachte die Wochenzeitung einen „Reisebericht“ aus dem winterlichen Januar diesen Jahres. Susanne Mayer läßt sich treiben von den Namen, die Historikern aller Couleur ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Am Ende der touristisch-melancholischen Reise findet man den Hinweis auf die Ausstellung.


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