Das Unsichtbare lässt sich nicht sichtbar machen, aber ahnbar – Karla Black + Kitty Kraus

kestner gesellschaft hannover

 

Karla Black_handgriffiger Eingriff (Detail) Foto H.T.

Karla Black_handgriffiger Eingriff (Detail) Foto H.T.

Die Räume der kestner gesellschaft erscheinen aktuell wie Hochsicherheitstrakte, man wird argwöhnisch beäugt vom Sicherheitspersonal. Es besteht die Gefahr, dass man sich den Kunstwerken zu sehr nähert. Das könnte, einer impulsiven Körperdrehung zur Folge, die zarten, durchscheinenden Installationen zerstören – und den Betrachter möglicherweise verletzen.

Weil man gerne das Unglaubliche, das so völlig Ungewohnte berühren möchte, besteht hier striktes Kontaktverbot.

Selten hat die kestner gesellschaft zwei junge Künstlerinnen (37 und 41 Jahre alt) ausgestellt, die so ähnlich und doch so verschieden arbeiten und dann fast wie siamesische Zwillinge zusammen passen. Diese Doppelausstellung ist eine Ausstellung.

Die Kuratorinnen (Susanne Figner und Antonia Lotz) haben sich bei der Pressekonferenz bemüht, das Fragile und das kaum zu Sehende und schwer zu Erklärende mit möglichst griffigen Bezeichnungen dingfest zu machen. Bei Karla Black, der schottischen Künstlerin, wurde auf die Obsession, mit dem Material umzugehen, verwiesen und auf die körperbetonten Prozesse im Atelier. Und bei Kitty Kraus, der deutschen Künstlerin, die Philosophie studierte, bevor sie ins Kunststudium einstieg, fand man „versteckte Auflehnung“ im Arbeiten an der Schwelle der Entzifferbarkeit.

Wenn man die Ausstellung gesehen und sich „einverleibt“ hat – also durchdrungen ist von ihr – dann sind solche Hinweise durchaus stimmig und auch hilfreich. Sie sind das nachträgliche Berühren.

Erst einmal aber sollte man nur schauen, genießen und sich wundern.

Kitty Kraus_steht man neben ihr oder schon auf ihr

Kitty Kraus_steht man neben ihr oder schon auf ihr

Kitty Kraus_da ist ihr Standbein

Kitty Kraus_da ist ihr Standbein

 

 

Kitty Kraus füllt einen der unteren Räume mit einer aufgebockten 500 cm langen Glas-Schleppe. Einfach gesagt: es ist eine lange schmale Glasplatte, die an einem Ende auf dem Boden liegt, am anderen aufgelegt ist auf einer anderen, 39 cm hohen, Glasplatte. Natürlich ist dieses Arrangement nicht unsichtbar, aber das Glas gibt den Blicken eben nur sehr wenig Widerstand. Also sieht man die Skulptur nur, wenn man sie eigentlich schon gesehen hat. Beiläufig fällt sie einem nicht auf, es sei denn, es steht ein andere Betrachter neben ihr. Man sieht sie durch ihre Widerspiegelungen. Der Betrachter macht die künstlerische Arbeit erst wirklich sichtbar – dann allerdings nimmt er ihr auch ihren spezifischen Reiz.

Die zweite, raumfüllende und doch minimalistische Arbeit von Kitty Kraus ist ebenfalls still und aufregend. In einem dunklen Raum stehen zwei Säulen , die unter ihrer Abdeckung einen feinen Lichtschlitz haben. Licht und Abdeckung zaubern eine deutliche Schattenlinie an die umlaufenden Wände. Man hat den Eindruck, in einer rechteckigen Ellipse zu stehen; man sieht zwei Mittelpunkte, die sich durch eine Außenlinie einschließen. Steht man selber zwischen Lichtquelle und Wand  (und das ist immer der Fall), grenzt man sich für andere Betrachter aus dem innercircle aus.

Karla Black_dunkle Kugel im edlen Streifenraum

Karla Black_dunkle Kugel im edlen Streifenraum

Karla Black_Wattepads mit Puder eingefärbt, zur Säule aufgebaut

Karla Black_Wattepads mit Puder eingefärbt, zur Säule aufgebaut

 

 

Im oberen Stockwerk residiert die Schottin Karla Black. Ihre beiden Räume sind voller, aber die Bewegungsfreiheit für die Besucher ist weitaus stärker eingeschränkt als bei Kitty Kraus.

Der größte Teil der Räume ist durch senkrecht verspannte durchsichtige Tapes besetzt. Es sollen um 623 von der Decke zum Boden verspannte Streifen sein; zum Teil sind sie clean und transparent, zum Teil mit großen fingerprints besetzt, die wie im Krimi mit feinem Pulver sichtbar gemacht wurden.

Karla Blacks Materialien entstammen meist dem häuslichen Umfeld, dabei gerne auch dem Badezimmer oder dem weiblichen Schmincktisch. Sie nimmt die dünnen pads, die zum Abschminken oder zum Auftragen von Puder oder Ölen gebraucht werden, und färbt sie durch ständigen Fummeln mit Schminckfarben ein. Als manchmal ramponierte Stelen oder irritierende Farbfelder hängen Sie dann in den an alte Filmregen gemahnende tape Irrlichtern.

So wie bei Kitty Kraus ist auch bei Karla Black nichts mit Bedeutung aufgeladen. Allerdings werden bei beiden Künstlerinnen Alltagserfahrungen unterlaufen oder konterkarriert. Ihre jeweilige Kunst ist betörend direkt und frisch.

Eine Ausstellung zum Sich-drin-Wohlfühlen.

 

Kitty Kraus: Spiegellampe, 2012

Kitty Kraus: Spiegellampe, 2012

p.s. Wer „Made In Germany Zwei“ in der kestner gesellschaft 2012 gesehen hat, könnte sich an Kitty Kraus erinnern, wenn er – anders als ich – sich den Namen der Künstlerin gemerkt hätte, die die herrlichen Leuchten in den am Boden stehenden Kartons kreierte, die im unteren(?) Gewölbegang zu sehen waren.

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