Allein, auf dem Weg nach Hause. Zoltán Jókay im Sprengel Museum

03.12.2013

Mrs Raab wants to go home

Everything was better while my husband was still alive – Als mein Mann noch lebte, war alles besser.

Im Raum für Fotografie im Sprengel Museum steht man bei der neuen Ausstellung wie in einem aufgeschlagenen Buch von Zoltán Jókay. Es ist ein Lebens-End-Buch, lauter Portraits von alten Leuten, ergänzt durch knappe Sätze jeweils links daneben auf farbigem Papier.

Nach wenigen Blicken weiß ich: so ein Foto hätte ich gerne von den letzten Tagen meiner Mutter. So ruhig, so farbenfroh, so einsam und in-sich-gekehrt, so unvergänglich. Ich würde noch gern hinzufügren: so glamourös.

Die Wirklichkeit der portraitierten Menschen war weit weniger heiter, gelöst, und ganz sicher nicht glamourös, wie es mit die Fotos zum Teil suggerieren. Doch die Fotos bringen mich dem Leben dieser Menschen nahe, auch wenn es viel eher vielleicht ein Hinwegetieren war.

Der in München geborene Zoltán Jókay hebt die Grenzen auf, die im Leben zwischen uns und solchen Menschen bestehen; er zeigt ihre Würde. Sie bleibt erhalten, auch wenn die wenigen Wörter, die ihr Portrait begleiten, von ihren Unzulänglichkeiten, ihren fernen Wünschen und nahen Verzweiflungen sprechen.

Die in ruhigem Abstand gehängten Doppelseiten des Buches, das (hoffentlich) noch werden soll,  sind so anrührend und einnehmend, dass Irritationen die Qualität noch zu unterstreichen scheinen. Da ist einmal der Text, der in Englisch gedruckt ist – das ist der Internationalität aktueller Fotografie und auch der (erwünschten) Distanz von Fotograf und Objekt geschuldet. Aber es irritiert, dass es vielfach sehr deutsche englische Sätze sind. Es ist keine englische Sprechweise, die hier gepflegt wird – und das unterläuft die Klarheit der fotografischen Aussage.

Es irritiert mich auch, dass von Menschen die Rede ist (auf den Textseiten), von denen ich kein Portrait sehe, sondern einen „Platzhalter“, einen Zettel, auf dem „Montag“ steht, ein fast monochromes Bild, mit einem kleinen schwarzen Rechteck, das einen abgeklebten Türspion meint, einem grauen Nebel mit einem gleißenden Sonnen-Loch.

Ich kann das alles durchaus einordnen, kann es als ‚Zustands-Portraits’ von Menschen verstehen, die nicht mehr fotografiert werden wollen. Aber eigentlich ist das eine eigenständige Portrait-Serie. Es gibt für mich Brücken-Fotos zwischen diesen beiden Serien, wie die beiden in verschiedene Blut-Farben getauchten Seiten „Gestern habe ich meinen Sohn nicht erkannt“ mit einem Blick durch einen roten Vorhang auf eine große Zimmerpflanze. Für mich ist das ein erschütterndes Statement. Die Farbigkeit reißt vieles in mir (sicher nicht nur in mir) auf, aber sie verbindet sich sogleich mit der ebenfalls nicht nur persönlichen Erinnerung, dass mich meine Mutter bei meinem letzten Besuch im Altersheim zum ersten Mal auch nicht mehr erkannt hatte.

b Mrs Raab wants to go home

Für Zoltán Jókay sind seine Fotos immer auch (oder vor allem) Ausgangspunkt für persönliche Gedanken und Assoziationen; seine Portraits sind Wege zum eigenen Inneren.

Und in diesem Kontext haben dann auch die „Platzhalter-Portraits“ natürlich ihre Berechtigung.

 

das Titel gebende Bild: Mrs. Raab wants to go home

das Titel gebende Bild: Mrs. Raab wants to go home – alle Fotos Zoltàn Jókay/Sprengel Museum

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