homeless – Leben auf Budapests Strassen

Hausfassade_1Hausfassade_330.09.  Das Leben in Budapest lässt sich nicht leicht entschlüsseln. Die meisten Gebäude ausserhalb der breiten Straßen wirken reichlich marode. Nur die Minderheit hat einen vor Jahren erneuerten Putz, der schon zwar längst angegraut ist, aber immer noch frischer wirkt als der der Nachbarn.

ein out door Schlafzimmer

ein out door Schlafzimmer

Renoviert oder gar restauriert sind nur die wenigsten Häuser und Hausfassaden. Da ist es kein Wunder, dass es den Menschen nicht viel anders geht. Ich habe schon in den ersten Tagen bemerkt und notiert, dass es auffallend viele homeless people gibt. Sie hocken in Eingängen, selbst in den großbürgerlicheren der Andrassy ut, manche haben auf ein Stück Pappe ein paar kleine Objekte gestellt und in Ungarisch und Englisch auf einem Zettel angeboten, sich etwas davon im Tausch gegen eine Spende auszusuchen. Außer einer, den Augen nach zu schließen, sehr verzweifelten Frau hat mich niemand angebettelt.

eine liebevolle, aber seltene Begrünung

eine liebevolle, aber seltene Begrünung

Wovon leben die homeless in Budapest? Es gibt keine Arbeitslosenunterstüzung in Ungarn, von Hartz IV ganz abgesehen. Ich sah, wie eine ältere Frau einem homeless einen hellen Sommermantel übergab und gelegetlich legt jemand einem Mann (Frauen sah ich seltener, vielleicht fielen sie mir weniger auf) ein paar Münzen in die Hand. An einer Straßenecke zu Beginn des alten Gesandtschaftsviertels sah ich eine Frau mit einem Mann im Gespräch, die einen Topf auf eine steinerne Balustrade gestellt hatte und aus ihm löffelte. Es war ein selbstverständliches Gespräch, so wie zwischen Nachbarn, und doch war sie sehr wahrscheinliche eine homeless.

nicht einmal eine Plastiktüte ist ihm geblieben

nicht einmal eine Plastiktüte ist ihm geblieben

Im Gespräch mit einer Budapesterin erfuhr ich, dass die meisten dieser homeless aus der Mittelschicht stammen und es kaum jemanden gibt, der nicht arbeiten wolle. Sie hatten, vermutlich als die kleine Privatisierung begann, gegen Ende der 1980er Jahre, investiert: in Wohnungen (von denen es heute heißt, sie wären zu billig verkauft worden), in ein Auto oder auch in einen kleinen Laden. Die Kredite wurden über Euro oder Dollar abgeschlossen, aber über Forit zurück gezahlt. Die (realen) wirtschaftlichen Zahlen haben sich aber seit 2004 nur verschlechtert, viele wurden arbeitslos, weil Stellen wegen der schlechten Konjunktur abgebaut wurden. Wer gekündigt wurde, war bald auf der Straße, denn einen neuen Job fand er nicht.

er scheint noch nicht lange auf der Strasse zu leben

er scheint noch nicht lange auf der Strasse zu leben

Im vergangenen Jahr wollte die Regierung die homeless aus den Städten verbannen, überließ aber die Ausführung der Anordnung des Städten. Aus Budapest waren sie eine zeitlang verschwunden, jetzt sind sie, wenn auch in geringerer Zahl, wieder da. Die Bevölkerung scheint deren Schicksal mental zu teilen; bei vielen steckt die Angst, in gleicher Weise zu stranden, sehr tief. Die Selbstverständlichkeit, mit denen man die homeless toleriert, ist wohl mit dieser Einschätzung verbunden.

inneres Dauergespräch oder Zellen-Besetzer

inneres Dauergespräch oder Zellen-Besetzer

H+M und Telekom zeigen schon mal ein home

H+M und Telekom zeigen schon mal ein home

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Chance, ohne faktische und praktische Hilfe wieder auf eigenen Beinen stehen zu können, existiert nicht. An einem Foto, das ich am innenstädtischen Deák Ferenc Platz machte, kann man ablesen, dass die Gesichter ratlos und enttäuscht sind, nicht aber verbittert oder aggressiv. Ansonsten habe ich in den Gesichtern kaum lesen können, zumal ich ratlos gegenüber ihrem Schicksal bin. Ich habe sie möglichst unauffällig fotografiert; nur durch die Fotos wird es mir möglich sein, mich mit ihrem Schicksal ein wenig auseinander zu setzen.

traurige, enttäuschte Blicke

traurige, enttäuschte Blicke

 

 

unterwegs mit Kochtopf

unterwegs mit Kochtopf

 

 

 

 

 

 

unter der natürlichen Wärmequelle

unter der natürlichen Wärmequelle

 

gschützt oder gefangen

geschützt oder gefangen

 

 

 

 

 

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