Ganymed goes Europe – ein Theaterabend im Museum

Theater mit Publikum und Gemälde. Foto Xiao Xiao

Theater mit Publikum und Gemälde. Foto Xiao Xiao

27.09.2013

Für ein erstaunlich großes Publikum war gestern der abendliche Besuch im Museum der bildenden Künste am Heldenplatz in Budapest ein äußerst angenehmer und sehr erfolgreicher Theaterabend. Sie bekamen Soloauftritte exzellenter (und ich denke: auch sehr bekannter) Schauspielerinnen und Schauspieler geboten, ohne sich mit Stückinterpretationen beschäftigen zu müssen und hatten um sich nicht nur angenehme Mitmenschen, sondern auch hochkarätige Werke der klassischen Kunst als Bühnenbild. Über dieser Kooperation von Museum und Theater stand der Satz „Ganymed goes Europe“, ohne das man wissen konnte, ob das nun als Slogan, Thema oder Titel verstanden werden sollte. Es war nicht nur ein Treffen von Theater und bildender Kunst, sondern auch der Literatur mit den beiden darstellenden Künsten. Außerdem war es die Premiere eines Projekts, das die Städte Wroclaw, Wien und Budapest verbinden soll.

 

Von der vielfach preisgekrönten österreichischen Theatergruppe „wennessoweitist“ wurden „zwölf ungarische und internationale Autoren“ ausgewählt, literarische Texte über Meisterwerke des Museum, die sie inspirierten, zu erarbeiten.

Kontaktaufnahme mit dem Publikum beim warming up. Foto H.T.

Kontaktaufnahme mit dem Publikum beim warming up. Foto H.T.

 

In Budapest waren es zwölf ungarische Autoren, die vermutlich auch den Titel „international“ trugen. Gleicherweise sollen sich literarische Texte, schauspielerischer Ausdruck und malerische Intensität in Wroclaw und Wien treffen, allerdings erst im nächsten Jahr.

 

Im Sinne des strindbergschen Stationendramas und der politischen Theaterbewegungen der 1960er Jahre (Bred and Puppet Theatre und Theatre du Soleil) wanderte das Publikum von einer (Bild)Bühne zur anderen. Gewissermaßen nach einer inneren Dramaturgie stellte sich jeder Besucher das Bildprogramm selbst zusammen. Denn nur die Gemälde waren vorab ein sicherer Ausgangspunkt für die Erwartung (für Literaturbeflissene sicher auch die Namen der Autoren/innen). Die Texte waren ausschließlich in ungarischer Sprache und sie hatten alle eine monologische Struktur. Dadurch war es für Besucher ohne ungarische Sprachkenntnisse unmöglich, in die „Geschichte“ hereinzukommen. Anders als im Theater, wo Erzählungen dramaturgisch und durch Personenbezüge entwickelt werden und der Betrachter darüber eine Vorstellung vom Text erhält, versagte hier die (mögliche) Einfühlungskraft.

Schauspieler nach dem Auftritt vor einem Bild eines gehäuteten Heiligen. Foto Xiao Xiao

Schauspieler nach dem Auftritt vor einem Bild eines gehäuteten Heiligen. Foto Xiao Xiao

 

Was blieb, war der „Grundton“ der Darstellung: Anklänge antiker, römischer Gelage, und dunklere, körperfarbene Kleidungsteile (Decken, Umhänge, Hosen, Jackets), die eine Haut betonte Darstellungs- und Spielweise unterstrichen.

 

Die Darstellungen waren getragen von deutlich sichtbarer Leidenschaft und hoher Professionalität. Für den, der die Texte nicht verstehen konnte, waren es lebende Bilder, die sich den Clicheevorstellungen vom Leben lang zurückliegender Vor-Bilder zur Seite stellten.

 

Der größte Teil des Publikums genoss sichtbar die Darstellungskunst der Akteure. Die Augen hingen immer an den Protagonisten, nie am ausgewählten Vorbild, das häufig von den Besuchern verdeckt wurde. Und da die Auftritte, zwischen zehn und fünfzehn Minuten lang, sich periodisch wiederholten, waren die Schauspielerinnen und Schauspieler auch für das Publikum ansprechbar und beide Seiten genossen diese Nähe.

zu Goyas 'Mädchen mit Krug' - eine Mutter spricht über ihre zwei Kinder. Foto H.T.

zu Goyas ‚Mädchen mit Krug‘ – eine Mutter spricht über ihre zwei Kinder. Foto H.T.

 

Da mir der Inhalt der Texte verborgen blieb, erhielt ich auch keine Hinweise, wieweit die ausgewählten Gemälde, somit die Themen der Bild-Welten, eine Erläuterung des Projekt-Titels enthielten. Was bedeutet es, wenn Ganymed gen Europa geht? Steigt er dann wieder aus dem Olymp herab, wohin er (als Adler) von Zeus entführt wurde und wird wieder zum Sterblichen? An welche Art von Liebe und Zuneigung will Ganymed heute erinnern?

 

Und was mir als eine der zuästzlichen Fragen unbewantwortet blieb: warum werden in Wroclaw, Wien und Budapest auf Grund der sprachlichen Monokultur (die jeweils herrschende Landessprache) die Möglichkeiten kultureller Transfers ausgeschlossen? Was verbindet die drei Städte miteinander – außer, dass noch vor einem Jahrhundert in allen drei Städten Deutsch die vorherrschende Sprache war? Die Bürger dieser drei Städte kommen sich durch das Ganymed-Projekt keinen Schritt näher: sie bleiben in ihren Museen, bei ihren Bildern und in ihrer Sprache. Wo ist da ein Zugangs zum anderen, ein goes Europe?

hingegossen in der Kreuzigungspose. Foto Xiao Xiao

hingegossen in der Kreuzigungspose. Foto Xiao Xiao

 

Vielleicht gibt es eine einfache Erklärung für das Projekt: um Gelder aus dem Kulturtopf der Europäischen Union zu erhalten, braucht man drei Institutionen in drei verschiedenen Mitgliedsländern und einen (scheinbar) übergreifenden, zusammenhaltenden Titel. Da bietet sich der Ganymed-Stoff an, denn er ist zwar kulturell in Europa verbreitete, aber in sich nicht stark ausgeprägt. Man kann ihn gut an Hülse nutzen. Das ist für ein echtes „goes Europe“ aber eindeutig zu wenig.

 

Informationen über das Projekt „Ganymed goes Europa“ findet man unter www.wennessoweitist.com“. Da findet man auch die sehr schöne, poetische Definition „wenn es soweit ist taucht plötzlich auf, unvermittelt, an einem ungeahnten Ort. Assoziativ entwickelt es ein perfomatives Spiel durch Zeit und Raum, zitiert große Texte und transferiert sie in ein anderes Licht. Der andere Ort, der Unort wird zur Bühne, der Text wird zum Leben erweckt, die Inhalte werden neu kreiert.“ Aber die Inhalte bleiben nur bei dem, der die „richtige Sprache“ versteht. Bei Ganymed bleibt jeder zu Hause, geht nicht über die Grenzen und macht sich keinen „Fremden“ zum „Freund“.

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