Stadt-Spaziergänge

9.09.

Vera und Marcus haben gestern Budapest wieder verlassen. Wie ein Kommentar dazu regnet es heute zum ersten Mal seit meiner Ankunft. Es ist kühl und nass draußen. Den geplanten Einkauf in der nahe gelegenen Markthalle des Stadtteils Erszébet habe ich ein wenig verschoben. Neben der zentralen Markthalle nahe dem Donau-Ufer scheinen alle Stadtteile eine eigene Markthalle gehabt zu haben. Es macht Sinn, denn die traditionellen Tante-Emma-Läden, die hier wie auch in Berlin Eckläden und sehr häufig Keller-Läden waren, wurden nur von der direkten Nachbarschaft frequentiert. Fleisch, frisches Obst und Gemüse holte man sich aus der Markthalle. In Budapest steht noch sehr viel von der alten Bebauung. Hier lassen sich Stadtgeschichte und Stadtgestaltung heut noch gut ablesen. Der Krieg hat kaum Zerstörungen hinterlassen und der ökonomisch stets klamme Kommunismus konnte das Stadtgefüge nicht nachhaltig verändern.

Fassadenschmuck an der Josilka Strasse - fast nopch mittelalterlich

Fassadenschmuck an der Josilka Strasse – fast nopch mittelalterlich

am gleichen Haus

am gleichen Haus

Bei meinen Spaziergängen bin ich deshalb bis heute ausschließlich in der Zeit der Jahrhundertwende 19./20. Jahrhundert gewesen. An den Fassaden läßt sich der allmähliche Wandel von gesellschaftlichen Codes und ästhetischem Ausdruck sehr gut ablesen.

Vergangenheit und Gegenwart

Vergangenheit und Gegenwart

Ich habe mich vor allem für die Variationen von Frauendarstellungen und Männerköpfen interessiert.

Wir betrachten sie heute ja vor allem als Ausdruck einer zur Kunst veredelten Ästhetik, mit dem man die Prüderie des alltäglichen Lebens verdeckte. Wir vergessen dabei, dass noch vor 100 Jahren die Zukunft für die Mehrheit der Bevölkerung unsicher war. Man benötigte viel Vertrauen, wenn man sich aus eigener Kraft nach oben arbeiten wollte. Da halfen dann die Schicksalsgöttinnen, die man wie ideale Gefährtinnen und Gespielinnen hoch an die Hausfronten stellte. Sie waren apotropäische Symbole,Gefahren abwendende Beschützerinnen. Schon die Städte des riesigen Römischen Reiches versicherten sich mit weiblichen Stadtgöttinnen – die den Figuren in Budapest, Wien, Prag übrigens sehr ähnlich sahen – gegen Feinde und den Unwillem der eigenen) Herrschenden.

Zum Ende des 19.Jahrhunderts kam dann das Bewußtsein der allgemeinen Erweiterung der Welt (und der Stolz auf die eigene scheinbar überlegene Weltsicht) hinzu: man ließ in die Abstraktion die Physiognomien fremder Völker einfließen.

Fassadenschmuck im Maya-Stil

Fassadenschmuck im Maya-Stil

An der Kiraly ùt (= Straße) fand ich noch Relikte des Straßenbildes aus dem späten 19. Jahrhundert: einen langgestrechten grüne Holzbau als öffentliche Toilette und an der nächsten Straßeneinmündung vier kleinere braune Holzbauten als Verkaufsstände.

Strassenmoeblierung vom Ende des 19. Jahrhunderts - hoelzerne Kioske

Strassenmoeblierung vom Ende des 19. Jahrhunderts – hoelzerne Kioske

Ich erinnere sie aus Moskau und natürlich aus Paris, wo aus sie auch ihren Anfang nahmen. Der „Baron“ Hausmann, der Paris von der mittelalterlichen Stadt in eine neue, dem Zeitalter der Technik angemessenen Stadt umwandelte, machte die Kioske zu einem der zentralen „Möbel“ des Stadtbildes. Hier konnte man Snacks und Getränke kaufen und auch alle Arten von Druckerzeugnissen (Zeitungen und Bücher). Letzteres war ein wirksames Mittel der Zensur. Die Kioske unterbanden den freien Verkauf von Zeitungen, und somit auch von unerwünschten Blättern, die die Zensur umgangen hatten. Der Kiosk wurde zum zentralen Ort der Information gemacht. In der Kiraly habe ich sie noch im originalen Gewand gesehen.

Ein Nachtrag zur Fotostrecke vom 6.09.

Einen Tag, nachdem ich die mit einem weißen Strickpullover (?) bekleidete Figur am zentralen Deák Platz fotografiert hatte, war sie wieder in aller Unschuld nackt. Während ich sie fotografierte, kontrollierten zahlreiche Polizisten die Stadtstreicher und homeless, die sich dort, wo zahlreiche Touristen vorbei kommen, treffen. Dass die Polizei sich für die ungewohnte Verkleidung der nackten jungen Bronze-Frau interessierte, konnte ich nicht feststellen.

die wieder entkleidete junge Frau - ein wenig froestelnd im kahlen Umfeld

die wieder entkleidete junge Frau – ein wenig froestelnd im kahlen Umfeld

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