Im Goldenen Schnitt. Landesmuseum Hannover

Die Ausstellung machte schon im Vorfeld Furore; überregional (Der Spiegel) wurde schon in der Woche vor der Eröffnung darüber berichtet. Auch die Süddeutsche Zeitung brachte eine ganze Seite bereits ein Tag nach der Presskonferenz. Da die kestnergesellschaft (s. zur Ausstellung „der schein“) sich mit ans Thema gehängt hatte, wurde gewissermaßen eine Doppelausstellung daraus. Aufhänger war natürlich das Stichwort „Gold“. Gold ist immer ein sicherer Garant für ein großes Zuschauerinteresse bei Ausstellungen, vor allem bei archäologischen oder kulturhistorischen.

Das Niedersächsische Landesmuseum hat seit seiner Gründung 1852 vier Abteilungen, eine davon ist der Urgeschichte gewidmet. Diese steht in der aktuellen Ausstellung im Mitelpunkt, eben durch einen Goldfund. Vor drei Jahren stieß man bei Grabungen im Umkreis von Syke, in der Gemarkung Gessel, auf einen bronzezeitlichen Hortfund. Eine Metallsonde hatte ein starkes Signal an einer Stelle gegeben, an der man nichts erwartete. Bei vorsichtigem Freilegen wurden zwei Bronzenadeln und ein Stück von einem Goldobjekt sichtbar. Der Fund wurde in einem Erdblock gehoben und durch Röntgenbilder und eine Computertopographie untersucht. Was man sah, waren stark in sich verschachtelte Spiralen. Die Dichte des Metalls Gold (man hatte ja schon etwas davon im Boden gesehen) ist höher als bei Blei und deshalb war auch mit der Computertomographie noch keine befriedigende Einsicht gewonnen. In einem weiteren Schritt, in einem dritten Labor, wurde der Block in 0,5 mm Schnitten gescannt. Nach diesen Bildern wurde dann ein 3D Modell geprinted, das als Vorlage für die behutsame Freilegung des Goldfundes hilfreich war.

Dieser Goldfund von Gessel ist der erste in Europa, der Einblick in die Art gibt, wie er niedergelegt, hier vergraben, wurde. Alle anderen Goldfunde gehen entweder auf Zufälle oder Raubgrabungen zurück.

Die 3D Skulptur des Gold-Fundes

Die 3D Skulptur des Gold-Fundes

Das geprintete 3D Modell ist für mich das interessanteste Objekt der umfangreichen Ausstellung im Landesmuseum. Der Goldfund ist zwar spektakulär, weil Gold immer spektakulär ist, aber die Präsentation dieses Fundes unterscheidet sich prinzipiell nicht von anderen. Es ist eine der Stärken dieser Ausstellung, dass sie dem Betrachter Vergleichsmaterial aus früheren Goldfunden anbietet, unter anderem ist dabei die sehr schöne bronzezeitliche Sonnenscheibe von Moordorf (Kreis Aurich).

Goldfund von Gessel - die Ketten entsprechen (Transport)Barren. Es sind Goldfaeden, deren  zarter Durchschnitt die Verunreinigung durch andere Materialeien ausschliesst.

Goldfund von Gessel – die Ketten entsprechen (Transport)Barren. Es sind Goldfaeden, deren zarter Durchschnitt die Verunreinigung durch andere Materialien ausschliesst.

Besonderheiten der Fundstücke sieht der Besucher nicht, es sei denn er ist ein ausgewiesener Fachmann. Was die Ausstellung so besonders macht, ist das Wissen, dass man nicht sehen kann, die Schlüsse also, die man aus den Fundstücke und aus ihrere Lage im Boden ziehen kann.

Zwei von 161 Einzelstuecken des Goldfundes von gessel

Zwei von 161 Einzelstuecken des Goldfundes von Gessel

Der Katalog zu Ausstellung ist deshalb auch kein Bilderbuch der glänzenden Goldspiralen geworden, sondern ein Reiseführer durch ein paar Jahrtausende.

Der Hintergrund dieser Ausstellung und auch der präsentierten Stücke ist die Verlegung einer 440 km langen Rohrleitung für den Transport von sibirischem Erdgas. Das Gas wird durch den „Nord Stream“ am Boden der Baltischen See von Vyborg (Russland) nach Lubmin bei Greifswald transportiert und von dort in zwei verschiedenen  Rohrleitungen nach Süden und nach Westen. Der westliche Zweig führt durch Mecklenburg-Vorpommern nach Niedersachen bis zu unterirdischen Kavernen in Rehden bei Diepholz. Für die Verlegung der Rohre war ein Schnitt durch die niederdeutsche Landschaft notwendig und der Betreiber dieser Energie-Ader war gesetzlich verpflichtet, die Rettung von archäologischen Funden zu ermöglichen und zu finanzieren. Das ist vorzüglich gelungen. Die durch Niedersachsen verlaufenden 204 km sind der längste durchgehende Schnitt in den Boden des Landes und damit ein Blick in die Vergangenheit, wie er zuvor nicht möglich war. Alles, was im Trassenbereich an Zeugnissen gefunden wurde – von Bodenverfärbungen, die Häuser und Dörfer  markierten, über eine Frauendarstellung, die in einen Sandstein mit wenigen Strichen geritzt wurde (ca. 11.000 Jahre alt) bis hin zu importierten römischen Glasperlen.

Schmuck aus einem früheren Goldfund

Schmuck aus einem früheren Goldfund

Archäologie ist immer auch ein Stück Wirtschaftsgeschichte unserer schriftlosen Historie. So erzählen die Fundobjekte auch von Importen oder Exporten über kürzere oder längere Strecken. Untersuchungen am Goldhort von Gessel lassen vermuten, dass das Metall aus Sibirien stammen kann, just daher, woher auch das Gas stammt, das durch die Rohre im Boden Niedersachsens strömt.

Fuer Archaeologen ein Hightlight:  Webgewichte aus Bassum, aus einem Dorf aus dem 8./9. Jh.

Fuer Archaeologen ein Hightlight: Webgewichte aus Bassum, aus einem Dorf aus dem 8./9. Jh.

Wer die Ausstellung genießen will, der sollte sich vielleicht zuerst mit dem Katalog beschäftigen oder an einer Führung teilnehmen, denn das Sensationelle an einer Vitrine mit unverarbeiteten Kupferscheiben, die als Fracht einer Hansekogge aus der Mitte des 15. Jahrhundert im Greifswalder Bodden gefunden wurden, erschließt sich nicht über den Augenschein. Diese Kupferscheiben haben eine ähnliche Funktion wie die aufgerollten Golddrähte des Gessel-Fundes: sie waren internationale Zahlungsmittel und zugleich Wirtschaftsguter. – Eine Ausstellung, die anregt, neues Wissen zu horten.

Ein Gedanke zu „Im Goldenen Schnitt. Landesmuseum Hannover

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