Kairo. Neue Bilder einer andauernden Revolution. MKG Hamburg

Ich lebe ohne Fernseher, die Tagesaktualitäten erreichen mich über die Zeitung oder in Maßen über das Internet. Aktualität ist kein Aufreger für mich. Die Einladung zur Ausstellung „Kairo. Neue Bilder einer andauernden Revolution“ reizte mich durch den Hinweis auf anwesende Teilnehmer der Demonstrationen.

In der Nacht vor Pressekonferenz und Eröffnung (15.08.) hatte die Armee die Besetzung des Tahrir Platzes durch Muslim-Brüder gewaltsam aufgelöst. Auf dem Weg nach Hamburg hatte ich ein beklemmendes Vorgefühl. Andere offensichtlich auch, denn die Atmosphäre zu Beginn der Pressekonferenz war von einer zur Ruhe konzentrierten Angespanntheit.

Man stand mit vielen in einem Vorraum der Ausstellung vor einer Wand mit klein gedruckten Texten und halbierten Titelseiten deutscher, internationaler und ägyptischer Zeitungen. Auf allen Seiten prangten Fotos von vergangenen Demonstrationen und Auseinandersetzungen unter den Gruppen und mit der Polizei. Um in diesen „Vorhof“ zu gelangen mußte man schon um zwei Ecken biegen; der Eingang war unübersichtlich. Man stand und wartete.

Ausschnitt aus einer Zeitungswand

Ausschnitt aus einer Zeitungswand

Es war eine unübliche Pressekonferenz, auch wenn alle Elemente dieses Rituals abgehakt wurden: Begrüßung, Erläuterung der Umstände, Vorstellung der Gäste, Einführung, Rundgang mit Erläuterungen. Die entscheidenden Informationen gab Florian Ebner, der die ersten beiden Stationen dieser Ausstellung in Braunschweig (Museum für Photographie) und Essen (Museum Folkwang) zusammen mit Constanze Wicke kuratierte.

Ebner war der Fremdenführer durch ein Labyrinth von Fotos, Blickwinkeln, Interpretationen, Beteiligten und Formaten. Er sprach aufgeregt und es schien, als ob er an allen Stationen zugleich sein wollte. Mir vermittelte er etwas von der Aufgeregtheit vieler Fotos. Als Betrachter brauchte ich aber eigentlich Ruhe, vielleicht auch Muße. Noch heute habe ich nicht das Gefühl, konzentriert durch die Ausstellung gegangen zu sein. Florian Ebner war ein zuvorkommender Kurator, er wollte einem alles zeigen, aber es wurde dann immer nur der Blick aus einem ICE in voller Fahrt.

Einen Hinweis von ihm empfand ich als sehr hilfreich: Zum Unterschied von europäischen und ägyptischen Fotos sagte er, die Fotografen vor Ort dokumentieren immer wieder die Vielen, die gekommen waren. Das Gefühl, zusammen zu gehören, sei ganz wichtig. Demgegenüber steht in der europäischen (Agentur)Fotografie der Einzelne als Meinungsträger und Symbol. Das ist zum Teil ablesbar an der letzten großen Wand in der Ausstellungshalle, an der wieder Titelseiten von Zeitungen präsentiert werden, geordnet nach Bildmotiven. Der Strahl eines Wasserwerfers, der einen Demonstranten in einen grauen übermächtigen Druck stellt, stilisiert dieses vielfach verwendete Bild zu einem „David gegen Goliath“-Motiv.

Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi marschieren nach Rabaa, 26.07.2013 (Foto: Achmed Abd Ellatif)

Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi marschieren nach Rabaa, 26.07.2013 (Foto: Achmed Abd Ellatif)

Die Ausstellung überflutet den Betrachter mit bewegten und stehenden Bildern und bildet in ihrer Raumgestaltung das Labyrinthische der Situation in Ägypten, vor allem in Kairo, ab. Mit jedem Schritt trifft man auf neue Fotos, die bald ihre Individualität verlieren. Der Betrachter wird schon durch das Betrachten atemlos. Was nimmt er dann davon auf? Mir blieben eher die Erläuterungen in Erinnerung, die Wörter also, weniger die Bilder.

Sichtweisen: Man sieht und will gesehen werden

Sichtweisen: Man sieht und will gesehen werden

Ebner erzählte von einer Demonstrantin (Fotografin?), die nach Hause kam und die Bilder, die sie gerade erlebt hatte, schon im Netz vorfand, das Bild eines Demonstranten, der versuchte, einen Panzer mit seinem Körper aufzuhalten. Und nicht nur dieses Foto war im Netzt, sondern gleich die Referenzsituation des Fotos vom Tian-An-Men Platz in Peking im Juni 1989. Vergangenheit und Gegenwart verschmolzen. Die politische Situation schien identisch und die Verhaltensweisen auch.

Die Situation in Kairo ist offen – die Ausstellung sagt treffend „ongoing“. Wie die Abläufe interpretiert werden können, steht erst mit ihrem Abschluß fest.

Nicht nur hören, auch sehen und dokumentieren. -Während einer Rede, Kairo, 8. April 2011, Foto MKG Hamburg

Nicht nur hören, auch sehen und dokumentieren. -Während einer Rede, Kairo, 8. April 2011, Foto MKG Hamburg

Die Geschichte der Bilder ist im Umbruch“, so formulierte es Florian Ebner gleich zu Beginn, aber wohin sich ihre Aussage und ihr Gebrauch entwickeln, ist ungewiß. Die Ausstellung zeigt, dass aus allen Richtungen geschossen wird, mit scharfer Munition und mit Kameras und Handys und mit der Subjektivität des Erlebten. Es ist keine Zeit, um die Abläufe und ihre Bild-Zeugen zu überdenken, das Erlebte muss sogleich ins Netz. Archivieren und möglichst viel davon nach außen bringen, in die Welt des Internets und durch das Netz in die Welt, das ist die Devise unter der in Kairo und an anderen Orten derzeit agiert wird.

The revolution will be flickrized“ ist eine der Erkenntnisse dieser Ausstellung, d.h. sie wird als eine Fotogalerie ins Netz gestellt und konkurriert dort mit vielen anderen um Aufmerksamkeit und Wahrheit. Das Foto wird zum Blick vom eigenen Standpunkt aus. Auch dieser ‚Blick zurück’ gehört zum Themenkreis der Ausstellung; er ist gewissermaßen der Ausgangspunkt der neuen Macht des Volkes. Die Demonstranten schauen auf die Aktionen und Reaktionen des Militärs, sie kontrollieren und posten, und das Posten ist die neue Reaktion der bislang Ohnmächtigen.

Die Handys und Smatphones sind überall. Es ist schwer zu trennen, ob das Smartphone einem Journalisten oder einem Demonstranten gehört. Die erst vier Jahre alte Zeitung El Shorouk hat einen Pool von mehr als einem Dutzend jungen Fotografen. Sie sind oftmals parteiische Beobachter, die die subjetive Wahrheit einfangen und im Miteinander der Sichtweisen versuchen, aus der Gegenwart eine Zukunft zu formen.

Die Ausstellung ist einseitig, aber kaum parteiisch; einseitig, weil der Blick von der Seite des Staates und des Militärs fehlt, kaum parteiisch, weil die Flut der Bilder zu umfangreich und vielfältig ist, um eine parteiliche Ordnung zu ergeben.

"We are looking back!"

„We are looking back!“

Das Ziel der Scharfschützen

Das Ziel der Scharfschützen

 

 

 

 

 

In dieser hektisch die hektische Zeit beschreibenden Ausstellung gibt es dennoch ein paar Ruhezonen, etwa Fototableaus, die die zahlreichen und phantasievollen Vermummungen zeigen (Mosa’Ab Elshamy) und dem gegenüber die Ziele der Scharfschützen, die Augen von Demonstranten und (ironischer Weise) von steinernen Bildwerken. Man sieht die Verletzungen und Verbände, weiß aber nicht gleich ihren Grund.

In einer der vielen Kabinen mit Videos berichten Verwundete von ihren Erfahrungen und auch von der Taktik der Soldaten. Es sind ruhige Bilder, der den Betrachter wieder zum Zuhörer machen, vom Bild auf das Wort verweisen. Und es gibt ein Video des Künstlers und Fotografen Kaya Behkalam „Excursion in the Dark“, das in unbeweglichen Bildern, in denen nur Lichter flackern, eine mythische und auch gespenstische Ruhe herrscht. Das Video wurde im Februar 2011 nach der Absetzung Husni Mubaraks in Kairo aufgenommen und lässt „die Stadt als Manifestation der Wünsche und Projektionen“ erleben. Der enge Projektionsraum steht in der Mitte der Ausstellung und eignet sich vorzüglich als letzte Station. Danach fühlt man die Schwere der Situation und das Drückende der Unsicherheit.

Die jungen Dokumentatoren und Fotografen sind zumeist Handelnde und nicht abwägende Beobachter.

(Ende August wird ein Katalog erscheinen, der aufschlussreiche Texte und viele Fotos enthält. Die pdf-Datei zeigt, dass man ihn braucht, vielleicht als Wegweiser durch eines der wichtigsten Labyrinthe dieser Tage.)

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