Welf Schiefer im Stammelbachspeicher in Hildesheim

Der 33jährige Zeichner und Radierer Welf Schiefer hat seine jüngste und bisher umfangreichste Ausstellung in der Galerie im Stammelbachspeicher in Hildesheim mit dem Titel „Katastrophen erleben“ versehen. Das kann man verstehen als einen plakativen Hinweis auf die aktuellen politischen und ökonomischen Aspekte der letzten Jahre. Bei diesen Stichwörtern fängt unser Assoziationsmotor an zu brummen.

Der junge Künstler wiegelt aber gleich ab; er hätte so schnell einen Titel für die Schau finden müssen, dass ihm nichts weiter einfiel, als eine Frage seiner Freundin, warum er denn immer „so schaurige Themen“ wählen würde, ironisch zu beantworten. Mit „Katastrophen erleben“ könnte tatsächlich auch das Programm eines Comedien oder Kabarettisten überschrieben sein.

Vielleicht ist aber alles das auch nur ein Zünden von Nebelkerzen, denn wenn man sich in der Ausstellung Zeit nimmt, dann beschleicht den Betrachter häufiger das Gefühl, dass ihm da ein Bühnenspektakel mit verborgenem Hintersinn vorgeführt wird.

Welf Schiefer ist – so auf den ersten Blick – von Vorvätern wie dem jungen Paul Klee („Zwei Männer, einander in höherer Stellung vermutend, begrüssen sich“, 1903) oder dem Zeichnervirtuosen Horst Janssen angeregt oder beeinflusst. In Bezug auf Janssen sind es vor allem die in die Blätter hineingeschriebenen Wörter. Und natürlich fallen einem bewanderten Betrachter gleich eine ganze Reihe von Künstlern des Phantastischen der 1960er und 70er Jahre ein.

Vergleichbar mit diesen Künstlern ist Schiefers noch kleines Œuvre allerdings doch nicht. Er hat einen ganz anderen Bildaufbau, einen, den man malerisch nennen könnte. Farbe nämlich spielt in seinen Werken eine wichtige, wenn auch nicht dominierende Rolle. Mit der Farbe nähert er die sich klar von einander abgrenzenden Medien von Radierung und Zeichnung an. So sehr, dass sie in eine Petersburger Hängung in der Ausstellung integriert werden konnten.

Es erstaunt, dass bei genau Betrachtung jedes Blatt so anders ist, dass man Gemeinsamkeiten nicht erkennen kann, es sei denn, dass man das häufige Auftreten von Tieren im Schieferschen Œuvre als Gemeinsamkeit ansieht. Sie sind auffallend zahlreich die Begleiter von Figuren, die nie vollständige, normale Menschen sind. Sie stehen zerstreut im Raum und wirken als ‚Halbheiten’, zerschnitten, fragmentiert.

Beim Gang durch die Ausstellung erwartet man als Betrachter, dass sich in den Arbeiten ein roter Faden erkennen läßt, dass der Künstler gleiche formale Prinzipiern anwendet, etwa Zentrums zentrierte Kompositionen oder Gruppierungen um ein freies Zentrum. Aber eine solche Hilfe gibt Schiefer dem Betrachter nicht. Er scheint seine Figurationen ebenso wie den Betrachter in ein willkürlich rotierendes All zu werfen. Irgendwo in diesem All muss ein Sinn stecken, sagt man sich beim Betrachten, wenn man sich nicht in die Welt eines Blattes verliert und damit die Zeit vergißt.

Welf Schiefer kreiert eine zerrissene Welt, die mal auseinander fließend und mal zusammen schrumpfend ist und dennoch den Anschein eines stillen Humanismus macht. Überall nämlich stecken in der Komposition Ruhepunkte, die das Verweilen zum Erlebnis machen.

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