Eröffnungsrede

Welf Schiefer „Katastrophen erleben“, Galerie im Stammelbachspeicher Hildesheim 11.08.2013

Einleitung frei formuliert…(s. blog Text)

Wenn einen die Arbeiten, die eine Ansammlung von Bildern sind, ratlos lassen, hängt man sich gerne an die Titel.

Also z.B. an ein Blatt über dessen unteren Rand deutlich lesbar das Wort „zusammen 2013“ läuft.

Man sieht: eine Vogelscheuche, nach Körper und Armen gedeutet, mit Füßen und Rüssel, darunter eine schimpfende Maus (re), ein knieender Vogel mit Pickelhaube (lks), über der Vogelscheuche ein Krokodil, darüber nochmals eine männliche (lks) und eine weibliche (re) Büste in der Manier von Ubu Roi, darüber als Abschluß ein aus Schraffur gezimmertes Haus mit offener Schmalseite, darüber sehe ich „Wir“, das ich vorher nicht bemerkt hatte. Also: Wir…zusammen 2013“.

Rechts daneben hängt eine Wischgaze-Monotypie mit Bleistiftergänzung, ein Kopf mit hoher pelzartiger Mütze und in der unteren linken Ecke einem erahnbaren Totenschädel.

Einen Titel habe ich nicht in der Arbeit gefunden, aber man könnte an „Sein oder Nicht-Sein“ denken. Aber shakespearisch wirken die beiden Köpfe nicht, trotz des Schädels.

Links daneben hängt eine Radierung, „Lissabon 2011“ ist in die Platte geritzt. Man sieht: einen Affen, zwei Frauen, eine mit abgehobenem Kopf und einen Man im Ganzkörper-Badeanzug.

Die drei Arbeiten hängen im rechten Teil der Rückwand mit der Peterburger Hängung, neben dem trennenden Pfeiler. Sie passen gut zueinander, trotz der unterschiedlichen Techniken. Radierungen und Zeichnungen vertragen sich gemeinhin nicht gut direkt nebeneinander auf einer Wand. Hier vertragen sie sich, vielleicht weil das sanfte Rosenrot der Druckfarbe sich an das sanfte Verbleichen in der Papierfarbe schmiegt und die Wischgaze die Gewebestruktur wie eine alte, abgewetzte Pelzmütze erscheinen läßt.

Was will uns der Künstler damit sagen? Seine verbale Antwort wird sein: Nichts. Vielleicht: Das ist mir so eingefallen oder Das habe ich auf dem Blatt gesehen.

Helfen die Titel? Ja, wenn man den Weg über die Wüste zum Strand nimmt, es steht immerhin in beiden Fällen auf Sand.

Oft hilft es, von Gemälden oder Zeichnungen die erkennbaren Gegenstände und Figuren zu benennen, um einen Zusammenhang herstellen zu können. Hier nicht.

Das Unverständnis wird hier aber nicht zum Gegner des Verstehens. Man bleibt den Bildern gewogen – mir zumindest ist es so gegangen – und fängt noch mal von vorne an, sie zu betrachten. Ich kam danach dennoch nicht zu einem anderen Ergebnis. Beim Betrachten fiel mir aber etwas ein, ein Flash aus der Studienzeit: so einen Aufbau kannte ich aus Bildgedichten aus dem Barock, einen Aufbau, der sich von unten nach oben erstreckt, aber in Wirklichkeit von oben nach unten geschrieben und gelesen worden war. Wird das übertragen in Bild-Zeichen, wie bei Welf Schiefer, dann wird man unsicher, ob oben „oben“ ist, also vielleicht „Himmel“, oder möglicherweise doch „unten“, etwa „Tod“. Ist der Mensch, der vielleicht die Vogelscheuche ist, aus dem schützenden Haus gefallen oder gekippt durch Geburt oder kann er in den nicht geschlossenen, aber überdachten Raum einkehren.

Das Krokodil erinnerte mich spontan an das überaus witzige Requisit in einer Inszenierung von Händels „Caesar und Cleopatra“ in Hannover und die damit verbundenen Münzen die Caesar prägen ließ (um seine Soldaten zu bezahlen und seinen Sieg zu dokumentieren), auf denen ein Krokodil abgebildet war und von den beiden Wörtern „Aegypta capta“ umgeben war (Ägypten besiegt/gefangen) und auch an das Plüschkrokodil von Rafael in Volker Reiches Comic „Strizz“ (bis 2010 in der FAZ erschienen), das ihm beim Philosophieren half.

Tiere tauchen in nahezu allen hier präsentierten Arbeiten von Welf Schiefer auf, neben vielen Krokodilen auch Mäuser, stagsige, langbeinige und Hirsche, Echsen, Chamäleons, Hunde und allerlei Affen. Warum? Na, es ist halt so. Auf eine Frage nach ihrem Sinn erhielt ich die Antwort: „Sie geben Atmosphäre“.

Welf Schiefer (33) ist Diplom-Designer, der sich für die freie Kunst entschieden hat und dabei noch auf einem Gebiet, das heute in der Ecke mit den Spinnweben lebt: der Radierung. Er sagt dann gleich schnell hinterher, dass es so aussieht, als ob die Radierung wieder an Boden und Interesse gewinnt. Es ist ihm zu wünschen. Soll er das weiter erläutern, dann verweist er auf die vielen technischen Möglichkeiten im Umgang mit der Platte. Was ihm gefällt, ist das Handwerkliche am Umgang mit der Radierung, das Aneignen eines fast alchemistischen Wissens über Ätzzeiten, arbeiten mit Lacken, eigentlich der ganze Werkstattbetrieb, das „kleine Labor“, wie er es dann auch liebevoll nennt. Es braucht eben mehr als nur einen geritzten Strich, um eine Radierung zu haben. „Man beschäftigt sich zeitlich länger mit der Platte als mit der Zeichnung“ meint Schiefer. Und die Belohung für dieses Ganze Drumherum ist, „dass man eine Auflage drucken kann“.

Welf Schiefer sagt nicht, dass er die Figuren und Tiere suchen muß oder dass sie fertig im Kopf sind. Sie entstehen aus einem unachtsamen Strich oder er sieht sie in Unebenheiten oder Flusen; sie sind die Wolken, die Leonardo da Vinci in seinem „Traktat der Malerei“ erwähnt:

„Es tritt bei Mauern und Gemisch das Ähnliche ein wie beim Klang der Glocken: da wirst du in den Schlägen jeden Namen und jedes Wort wiederfinden können, die du dir einbildest.

Achte diese meine Meinung nicht gering, in der ich dir rate, es möge dir nicht lästig erscheinen, manchmal stehen zu bleiben und auf die Mauerflecken hinzusehen oder in die Asche im Feuer, in die Wolken, oder in Schlamm und auf andere solche Stellen; du wirst, wenn du sie recht betrachtest, sehr wunderbare Erfindungen zu ihnen entdecken. Denn des Malers Geist wird zu (solchen) neuen Erfindungen (durch sie) aufgeregt,…“

Eberhard Brügel, Zeichner und Radierer in Stuttgart und Freiburg, folgert, Assoziationen ergeben sich nur, wenn schon ein Bild vorhanden ist und schlußfolgert dann: „Je mehr ästhetische Erfahrungen jemand besitzt, umso mehr Assoziationen können sich einstellen, bzw. umso reichhaltiger und komplexer sind die unbewussten Verknüpfungen der unterschiedlichen inneren Bilder.“

Zwischen Künstler und Bild und Bild und Betrachter meandriert also (eventuell) kulturelles Wissen, das man auch als Vor-Urteil bezeichnen kann. Man sieht, was man weiß – aber: Fragmentierungen oder Bild-Störungen werden vom Betrachter wahrgenommen und in alte Formen wieder zurück transferiert oder mit neuen Bedeutungen versehen.

Vielleicht ist das auch ein Grund, warum der Betrachter in den Bildern von Welf Schiefer zuerst Anklänge an längst bekannte Kunstwerke und Künstlernamen sieht. Der frühe Paul Klee taucht dabei rasch auf oder der zeichnerische Tausendsassa Horst Janssen (den man spätestens an den Schriften von Schiefer ausmacht); dann könnten man eine Perlenreihe der phantastischen Künstler der 1960er und 70er Jahre anfügen: Vennekam oder Wolfgang Petrik (in einer Arbeit direkt angesprochen), der Schweizer Franz Anatol Wyss, der Österreicher Heinz Stangl, Arik Brauer…

Die Aufzählung macht deutlich, dass es dann doch große Unterschiede gibt, schaut man auf Welf Schiefers Arbeiten, vor allem in der Komposition, in der Nutzung des Raum und der totalen Individualisierung der Figuration.

Was miteinander verbunden ist, das bestimmen Blick und Hirn des Betrachters.

Welf Schiefer bemüht sich denn auch, dem Betrachter immer wieder neue Variationen oder Irritationen vorzusetzen. Für ihn als den Kreativen ist es das Aufstellen einer neuen Hürde, um Training, Ansporn und Freude am Laborieren nochmals zu erhöhen.

Er überträgt das, was ihm die Radierplatte bietet – das Arbeiten mit verschiedenen Zuständen, aus denen ein oder mehrere Arbeiten erwachsen können – auch auf das Papier und die Zeichnung. Die Monotypie ist einer der Kombinationen von Druck und zeichnerischer Ergänzung, der collagierende Aufbau einer Zeichnung (oder einer Skulptur) durch das Aneinandersetzen von unterschiedlich gefärbten, strukturierten und starken Papieren ein weiterer. Der Zeichengrund wird bereits zu einer „Landschaft“ für die nachfolgenden Figuren, Tiere, Wege und Weiten.

Was man auf Welf Schiefers Arbeiten nicht sieht, doch sofort nachvollziehen kann, wenn man es weiß: er hat eine intensive Phase als Graffiti-Künstler hinter sich. Daraus resultiert, stärker als aus der Auseinandersetzung mit Horst Janssen, die Kombination von Schrift und Bild auf seinen Zeichnungen und Radierungen.

Auf Welf Schiefers Arbeiten gibt es keine Erzählung – genauer vielleicht: es scheint keine Erzählungen zu geben oder es sind noch keine Erzählungen ausgearbeitet. Alles wirkt wie das Ausbreiten eines Materiallagers. Darin ist er dem früh verstorbenen und lange vergessenen Wols verwandt, dessen Ausstellung in Bremen er sich noch während der Hängung dieser Ausstellung angesehen hat. Die Titel sind Benennungen, die einem Rufnamen entsprechen, vielleicht aber auch in die Irre weisen. Möglicherweise meinen sie eine Ebene, die nicht im Erkennbaren des Bildes liegen, sondern im Flair, im Ungefähren der möglichen Assoziationen. Das einzige Triptychon in der Ausstellung, eine Zeichnung, trägt, eingeschrieben in jedes einzelne Blatt, den Titel „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“, 2013. Auf den Blättern sind keine Räder zu sehen, dafür ein großer pausbäckiger Männerkopf, der leicht an den blasenden Wind aus Kinderbüchern erinnert und an bourgeoise Köpfe aus dem Œuvre von George Grosz. Einen ähnlichen Kopf sieht man in dem zentralen Raum der Ausstellung gegenüber dem Eingang, gut durchblutet, selbstzufrieden, verschlossen. Das Bild markiert die Position eines Vorsitzenden – und Schiefer hat dem Raum den ironischen Titel „Köpfe eines Industrieclubs“(?) gegeben.

Es ist ein Bild, eine Zeichnung, die ich mir in keiner Wohnumgebung vorstellen kann. Hier in dieser „Ahnengalerie“ aber stimmt es; es stimuliert Erinnerungen an die frühen Jahre der Industrieanlisierung, des jugendlichen Kapitalismus. Die „Pappköpfe“, die dieses Bild flankieren, sind den griechischen Symbol-Köpfen des ausgehenden 19. Jahrhunderts vergleichbar. Sie sind entstanden aus dem Spiel mit Verpackungsmaterialien, die nicht gleich entsorgt wurden, sondern herumlagen und wie nach einem neuen Leben schrien. Verpackungen sind die Camourflage unseres Alltagslebens und sie sind zur Camourflage des guten und vielleicht des politischen Lebens geworden.

Alle diese Arbeiten stammen aus diesem Jahr, einem Jahr, das uns politisch einen Schreck nach dem anderen eingejagt hat. Georg Herweghs „Bundeslied für den allgemeinen deutschen Arbeiterverein“ (dem Vorläufer der Sozialdemokratischen Partei), das er 1863 schrieb und in dem das berühmte Zitat steht, erscheint da fast wie ein Wetterleuchten. Schiefer leiht sich in seinen Radierungen und Zeichnungen beinahe ausschließlich Bilder oder Erscheinungsweisen aus dem 19. Jahrhundert aus und der heute zum Streiklied verwandelte 6. Vers des Herwegh Textes steht in dieser Tradition der aufbrechenden, aber nicht akzeptierten Moderne. Vielleicht blickt Welf Schiefer diese 150 Jahre zurück, weil wir für das neue, das digitale Zeitalter noch keine Bilder haben – also auch keine Assoziationsfelder. Unsere Gefühle vom Leben ändern sich weit weniger schnell als unser technische Alltag. Wenn sich Ästhetik mit Nostalgie verbindet, kann es gefährlich einschläfernd werden, oder auch aufrüttelnd und wegweisend.

Heinz Thiel

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