Slapstick im Kunstmuseum Wolfsburg

[Kunst, Ausstellungen]

Slapstick!“ – das ist ein schönes Sommerthema. Es assoziiert Unterhaltung mittels Komik, Klamauk und Lachen, gewürzt mit einem Schuß Nostalgie, weil Charlie Chaplin, Laurel & Hardy und Buster Keaton schon so alt sind, das es keine lebende Generation mehr gibt, die nicht mit ihnen gelacht habt. Die Kuratorin Uta Ruhkamp zitierte eingangs der Pressekonferenz eine Eloge auf den „berühmtesten Mensch der Welt“ – von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1926. Die Slapstick-Klassiker sind in unserem musée imaginaire (Andre Malraux) fest verankert und sie lassen uns auch glatt übersehen, dass in der Aufzählung der Künstlernamen auch Alüy, Bock, Hein und Matta-Clark stehen. Wir nehmen die zeitgenössischen Werke gerne mit in Kauf, ja sie erhöhen sogar den Reiz, mit ihnen zusammen in die Nostalgie zu tauchen.

Markus Brüderlin, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, verortet die Idee dieser Ausstellung nicht bei einem aktuellen Problem, nicht bei einem brisanten Philosophem, sondern bei der Durchsicht früher Filme während der Vorbereitung der Ausstellung „Die Kunst der Entschleunigung“ (2012). Er verband diese Filme, die zu einem großen Teil in das Genre des ‚Slapstick’ gehörten mit einem Lachen auf hohem Niveau, „einem Lachen, das manchmal im Halse stecken bleibt“, und leitet zur daraus resultierenden aktuellen Ausstellung mit dem Hinweis über: „Interessant ist es, Bruce Nauman mal in diesem Kontext zu sehen“. Ein wunderbarer Gedanke. – In der Ausstellung wirft sich Bruce Nauman allerdings wenig Slapstick affin in eine Ecke seines Ateliers („Boucing in the Corner, No.2“, 1969). Mittig im Raum, aber durchaus in einem ‚Fadenkreuz der Diagonalen’, steht Timm Ulrichs Stuhl, der sich nach langem Stehen zur Ruhe setzt. Das ist trockene, fast ein wenig zu hölzerne Kost.

Links von den zeitgenössischen Arbeiten läuft ein Loop, der Laurel & Hardy, versehntlich nacheinander in die gleiche Umkleidekabine geschickt, beim Entkleiden zeigt. Das ist drive, Spannung, Komik und Aggression zu sehen. Timm Ulrichs und Bruce Nauman bleiben dagegen stumm. Ich lebe selbst mit Timm Ulrichs „erstem sitzenden Stuhl“ und arbeite mich am Werk von bruche Nauman seit vielen Jahren ab – hier erschienen mir beide „eingesperrt“.

Vielleicht hat diese Ausstellung ein Problem mit dem Raum: im Kopf schwirren die Gedanken und Assoziationen ungebrochen und fast grenzenlos hin und her, im oberen Ausstellungsbereich, dort wo „Slapstick!“ gezeigt wird, ist es eng; manchmal sind Kabinen und Räume geradezu klaustrophobisch gebaut. Beim Durchgang durch den Ausstellungsparcours trifft man gleich zu Beginn auf einen Raum mit einer erst zwei Jahre alten Arbeit des Dänen Peter Land, „Springtime (Forar)“, die so eingeengt ist, dass man auf den ersten Blick sieht, dass es sich bei dem Material um ‚Kulissenfakes’ handelt. Es ist ein Haufen aus großen behauenen Steinen, aus denen ein menschlicher Arm heraus ragt – Versinken oder Wiederauftauchen andeutend. Die Arbeit ist im Grunde eine Verwirklichung oder Konkretisierung der in Slapstick-Filmen so gerne verwendeten materialen Brutalität. Der Anschein des Echten, Authentischen ist dabei zwingend erforderlich. Hier steht für den Betrachter aber eindeutig ein Dummy.

Die Kuratorin Uta Ruhkamp trug bei der Pressekonferenz einen Lust machenden, auch nachdenklichen Text voller Assoziationen zum Thema vor, gespickt mit Hinweisen auf das immer wieder „humorvolle Scheitern“, auf „selbstironische“ und „körperbetonte Komik“, die das Vaudeville Theater und der Slapstickfilm in die Medien der Neuzeit brachten. Aber in den zeitgenössischen Kunstwerken haben sich dazu nur die Motive wiedergefunden, nichts mehr von der Weltsicht, der unernst-ernsten Atmosphäre des Theaters und des Kinos zwischen Industrialisierung und zweitem Weltkrieg. Neben dem Slapstick wirkt die präsentierte Kunst fast nur noch bieder oder gar bierernst. Vom Scheitern keine Rede, besser: kein Bild.

Peter Land, der mir unbekannt war, aber nach dem heutigen Tag sehr sympathisch ist, wurde erstaunlicherweise beim Pressegespräch von Markus Brüderlin auch eher zu seinen älteren Video-Arbeiten befragt. Es gibt da eine, die mit einem konstanten Vom-Hocker-Fallen ein typisches Slapstick-Moment aufnimmt. Ich fragte ihn, der im Jahrzehnt vor dem Performance-Enthusiasmus in Europa geboren wurde, ob er diese performance auch life präsentieren würde. Er verneinte und es entspann sich ein Gespräch über den Verlust der Kontrolle, der dem Künstler das Werk gewissermaßen entziehen würde. Hier, stimmten wir beide überein, verläuft eine wichtige Grenze zwischen Kunst und Slapstick. Der Film mit Slapstick (nicht nur der) bedeutet die totale Kontrolle, die künstlerische Performance à la Ulay und Abramovic ist (teilweise) auch offen für anarchische Momente, aber die Ausstellungs-Kunst muss wieder die totale Kontrolle haben. Berechnungen, die sie zeigt, sind nur „innerlich“ zu erleben. „Failure and fiasco is lost in our days. You are not allowed to fail anymore. Everybody is aiming for perfection in their life”, formulierte Peter Land. Sein Fazit zur Ausstellung war: “To see such an exhibition seemes to be a liberation”, Von der Idee her stimme ich ihm von ganzem Herzen zu. In Auswahl und Präsentation habe ich weder failure, noch fiasco und erst recht keine liberation empfunden.

Ein Gedanke zu „Slapstick im Kunstmuseum Wolfsburg

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