27. Internationaler Choreographen Wettbewerb, Hannover Finale + Preisträger

3./4.Juli 2013

Der Sonntagnachmittag war mit dem zweiten Teil des Choreographen Wettbewerbs besetzt. Es begann um 14.30 Uhr und war erst um 21. 45 Uhr beendet. Dann erst konnte die Jurys tagen, die fünf Preisträger küren durften.

Von den 18 eingeladenen Choreographien kamen die Hälfte ins Finale, von 9 bekamen am Ende 5 einen Preis. Das ist keine schlechte Ausbeute, aber man muss sich vor Augen halten, dass nur gut zehn Prozent der Einsender überhaupt eingeladen wurden, die eigenen Choreographien vorzustellen. Hier lag der größte Schnitt und das spricht für ein hohes Niveau der Eingeladenen.

Als ich zum Finale im Theatersessel sass, hatte ich alle Choerographien gesehen und war gespannt auf den zweiten Blick. Er veränderte zum Teil meine vorherige Einschätzung: das Solo „Fade“ des chinesischen Choreographen Yin Fang fesselte mich beim zweiten Sehen längst nicht mehr so stark wie beim ersten Mal. Aber ich spürte nun stärker, was die Qualität dieser Choerogaphie war: sie vermittelte eine befreiende Ruhe und Stille. Das war ihr größtes Geschenk an diesen beiden Tage – und damit war auch die Finalteilnahme gerechtfertigt.

Ich übergehe den Ablauf der zweiten Vorrunde und konzentriere mich auf die Preisträger.

Im Finale war mit zwei Choreographien China vertreten, ebenfalls mit zweien Israel und Italien, Surinam, Polen und Spanien mit je einer Choerographie. Diese Nationenzuweisung ist vor allem dem Aushängeschild „International“ geschuldet, denn der überweigende Teil der jungen Choreographen arbeitet nicht im Heimatland. Eine „nationale“ choreographische und/oder tänzerische Sprache läßt sich wohl auch nur bei den beiden israelischen Finalisten, dem ausgeschiedenen chinesischen Duo Yin Fang/ Tänzer Sun Rui und dem polnischen Choreographen Robert Bondara mit seinen Tänzer/innen vom Polnischen National Ballett konstatieren, vielleicht sogar nur unterstellen.

Die ersten beiden Preise gingen an zwei der drei israelischen Choreographen: an Roy Assaf (1. Preis) mit „The Hill“ und an Sharon Fridman (2. Preis) mit „¿Hasta donde?“ (etwa: Bis wohin?). In beiden Fällen tanzten die Chorographen auch selbst. „The Hill“ war ein 12 Minuten langes, durch Rhythmuswechsel mehrteiliges Stück zur Problematik des israelischen Männer- und Militärlebens. Auch wenn die Wehrpflicht in Israel für beide Geschlechter gilt und die Armee als das größte Heiratsinstitut angesehen wird, so ist Armee immer auch noch das Sammelbecken des Machismo. Augenzwinkernd, ironisch und auch clicheehaft hat Roy Assaf mit zwei weitern Tänzern diese Wahrnehmung umgesetzt. Schnelle folkloristische Partien gehen in Drill-Clichees über und münden in fulminante Körperverschlingungen. Die sich immer wieder berührenden, behakenden und einander umfassenden Körper stellen ein Stück kriegerischen Kampfes dar, den man nachfühlen, nicht aber mit den Bildern öffentlicher oder privater Medien vergleichen kann. Ich beziehe den Titel „The Hill“ auf die Vorstellung von der Eroberung oder Verteidigung eines Hügels. Iraels Grenzen haben vielfach solche „Hügel“, man denke etwa an die Golam Hights. Dazwischen gibt es starke Brechungen, die wie Festivals zwischen den Kämpfen zelebriert werden. Am Ende geht es aber doch ans Sterben, allerdings nicht auf dem Schlachtfeld, sondern am nicht mehr zu bewältigenden Trauma.

Ich habe bis jetzt noch keine so dichte Folge von assoziativen, wenig eindeutigen und überrissen deutlichen Bildern als Zusammenfassung von Kampfkonzentration und ausgelassenem Warten gesehen. Und bei allem föhlichen Leichtsinn, der dazwischen gestrickt wurde, ist diese Choreographie eine harte und böse politische Kritik.

Der zweite israelische Beitrag und Preisträger, Sharon Fridmans Duett „¿Hasta donde?“ (mit Arthur Bernhard) war ein acht Minuten langer Wirbel über die Bühne. Zwei kräftige Tänzer mit langen Haaren, kraus bei Fridman, blond bei Bernhard, warfen sich um- und übereinander ohne eine für mich erkennbare Geschichte. Zu Beginn hatte ich kurz den Eindruck, dass der eine den anderen als lebensgroße (ausgestopfte) Spielpuppe ansah und benutzte. Es war schon durchgehend spürbar, dass nur einer der beiden Figuren aktiv war, aber da der passive Tänzer bei den schwierigen Dreh- und Wurffiguren mithelfen mußte, verwischte sich das Bild immer wieder. Ich habe mich darauf beschränkt, es als einen fulminanten, schwindelerregenden Tanz zu genießen. Von den Fotos, die ich versuchte zu machen, war nicht ein einziges scharf. Die Tänzer waren immer schneller als die Automatik. Sharon Fridman erhielt zusätzlich noch den Publikumspreis.

Der Dritte Preis wurde dem spanischen Choreographen Marcos Morau zugesprochen. Er präsentierte in „Zelentsova“ zu einem schmissigen Czárdás zwei (Phantasie) uniformierte Tänzerinnen, die sich in slapstick Manier um- und durcheinander bewegten. Zu grünen Uniformen und vielen Ordenbänder trugen sie weiße Kniestrümpfe, die bei ihren Verrenkungen wunderbare Signale in den Bühnenraum schrieben: ein Stück der totalen Entspannung und Freude für die Zuschauer.

Von vier eingeladenen Kritikern (3 Tageszeitungen, 1 Fachzeitschrift) wurde der Kritikerpreis an den aus Surinam stammenden Choreographen Ryan Djojokarso für sein Stück „balts“ vergeben (s. 1. Vorrunde). Beim zweiten Sehen erst bemerkte ich, dass die beiden Akteure sich während der längsten Zeit ihrer Aufführung nicht ansehen, sondern direkt (und ohne Kopfbewegung) ins Publikum schauen. Erst kurz vor dem Ende entdecken sie sich gegenseitig, nehmen Kontakt zueinander auf, verlieren sich aber wieder in der „Betrachtung“ des Publikums. Über weite Strecken ist diese Choreographie also eine Auseinandersetzung zwischen Tänzern und Publikum, wozu Gesten und Tanzschritte ähnlich den naturwissenschaftlichen Codes eingesetzt werden, die von Astronomen zur Kontaktaufnahme in den Weltraum geschickt werden.

An die Choreographen Roy Assaf und Marcos Morau wurden von den anwesenden (Fach)Juroren Jan Pusch (Braunschweig) und Ed Wubbe (künstlerischer Leiter des Wettbewerbs und Direktor Scarpino Ballett Rotterdam) jeweils ein Produktionspreis vergeben. Diese beiden Preise sind möglicherweise weniger prestigeträchtig, weil nicht mit Geld verbunden, aber eigentlich die wichtigeren, denn sie bedeuten, an einem Theater im laufenden Spielbetrieb choreographieren zu können.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s