Kunstmuseum Wolfsburg – Christian Boltanski „bewegt“

Bevor man die Ausstellung betritt, kann man (vorsorglich) seinen Herzschlag abgeben. Allerdings nur an Wochenenden und man wird einen anderen Herzschlag in der Ausstellung wiederfinden und den eigenen vielleicht immer noch spüren.

Christian Boltanski sammelt neben Fotos, Biographien, Assoziationen auch Herzschläge. Ein Fünf-Minuten-Portrait durch das Schlagen des eigenen Herzens kann man in Wolfsburg auf CD brennen lassen, eine Scheibe für das eigene Archiv, eine zweite Scheibe für ein Archiv, das auf einer unbewohnten japanischen Insel installiert wurde. Dort kann man, nach Voranmeldung, sich in alle abgegebenen/gesammelte Herzschläge einhören.

Die Herzschlagambulanz ist ein zweitüriger separater Raum, der einer Gefängnis-Besucherzelle oder einem Beichtstuhl nahe kommt. Man vergißt den Raum rasch, wenn man in die Ausstellung geht, aber er kommt unweigerlich wieder in Erinnerung. Der erste Eindruck der Arbeiten war ein Erlebnis von Helle und Leichtigkeit für mich, mit „atemberaubend“ nicht ganz so falsch beschrieben. Die herabhängenden, halbtransparenten und stark vergrößerten Fotos füllen den Raum und lassen ihn zugleich als luftig erleben. Verharrt man eine Weile, dann nimmt man ein leicht wummerndes Schlagen wahr. Es kriecht in den Besucher hinein; man bemerkt es kaum, wenn man sich bewegt, wenn man konzentriert ist; es kommt, wenn man entspannt auf der Epore sitzt und dem Kreisen der Fotos zusieht.

Es ist eine sehr einfach gestaltete Ausstellung. Boltanski hat die Räumlichkeit klar strukturiert: ein dunkler Raum unter der Empore, angefüllt mit dunklen Schwarz-weiß Foto-Portraits, umgeben vom nach oben offenen großen Ausstellungsraum mit stillen und sich bewegenden Fotos, zum japanischen Garten hin ein Herzschlagraum und ein Raum mit sich überblendenen Fotos eines Gesichtes (es sind Portraits Christian Boltanskis). Im Japanischen Garten hängen Glocken an dünnen „Galgen“, die vom Wind bewegt, also er-tönt werden. Eine japanische Tradition des Totengedenkens.

Die Erläuterungen werden einem Besucher nicht gleich bewußt, man erfährt sie nur im Nachlesen oder durch Vorwissen. Ich bin mit dem Vorbild einer kontinuierlichen Werkkonfrontation von fast vierzig Jahren durch die Ausstellung gegangen. Es war mehr ein Gehen durch das Bildarchiv des eigenen Lebens, als ein Bewußtsein lexikalischen Wissens.

Es ist eine Ausstellung des Hell und Dunkel, des Geschlossen- und Offen-Seins, des Drückens und Schwebens – und auch eine Ausstellung des Lebendigen und Toten und des Durchgehens.

Man erlebt die Ausstellung nur im Durchgehen, im Sich-darin-Bewegen. Und darin liegt schon eine überwältigende Aussage: wir existieren im Durchgang. Das ist eine Kernaussage des zwanzigsten Jahrhunderts, ebenso philosophisch wie religiös. Der Raum der Dunkelheit, des Todes, hat sicher nicht zufällig einen Durchgang, keinen Eingang und keinen Ausgang, sondern zwei Öffnungen als Durchgang. Man nimmt es beiläufig wahr.

Die einheitlich großen, gerahmten Fotos sind eines der ästhetischen Markenzeichen Christian Boltanskis, sie sind Teil seiner Werkkontinuität. Die wie sonnengeblendet hellen, ungleich großen, rahmenlosen und zum Teil sich bewegenden Fotos im hohen Ausstellungsraum waren für mich neu und ein befreiender Schritt aus den engen Präsentationsräumen vorangegangener Jahre. Sie erinnerten mich an meine ersten Begegnungen mit seinem Werk, an die Albumblätter und Fotoalben, in denen er (s)eine Jugend (re)konstruierte. Und sie erinnerten mich dadurch eben auch an meine Gedanken und Gefühle beim Betrachten der Fotos und Fotoalben meiner Eltern und Großeltern.

Boltanski öffnet den Kosmos der Kunst, weil er die Grenzen zwischen Produzent und Rezipient, zwischen Künstler und Betrachter wegräumt. Es gibt nur noch den Raum der Gemeinsamkeit, der Übergänge von einem zu allem, von allem zu einem.

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Ein Gedanke zu „Kunstmuseum Wolfsburg – Christian Boltanski „bewegt“

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