Kunstmuseum Wolfsburg Christian Boltanski „bewegt“ 2

Was habe ich gesehen, was habe ich gedacht, was habe ich gefühlt:

Die Fotos füllen den Raum wie Schneeflocken: sacht, sanft, ein wenig in der Luft tanzend. Gedruckt sind sie auf milchiges Kunstfasergewebe in einem grauen Ton, mit der Anmutung von „faded“.

Ich sehe ein Kanevalsfoto, Bikini-Fotos, der erste Fahrrad und den ersten Kuss, einen Sommerkörper mit tiefem Ausschnitt und ein Kreuz vor einer Brust. Mein Blick wandert von stillen, regungslosen Fotos zu langsam durch den Raum ziehenden.

Der lachende Mann, der seine Frau oder Freundin umfasst, die ihre Arme aber an den eigenen Körper drückt und nicht ein Teil von ihm sein will, schwebt an mir vorbei. Männer zeigen ihre Eroberungen, Frauen sind allein oder blicken reserviert. Frauen zeigen immer wieder ein Lächeln, das den Schmerz nur gerade kaschiert.

Die Kamera ist unsichtbar und doch fühlbar das Gegenüber. Das statische und das bewegte Leben fließen ineinander. Die Guitarre zupfen und die Zigarette rauchen, das ist eine Geste und zeigt wie eine Sonnenuhr die Zeit.

Wenn man länger schaut, weiß man, daß man all diese Posen kennt und all diese Bilder selbst in sich trägt.

Eine irritierende Aufnahme (eine Ausnahme?): die Frau, die sich im Einteiler an den Freund in langer Hose und Pullover schmiegt und dabei eine dunkle Augenbinde trägt – sich anonymisierend oder hingegeben an einen nahen Tod?

Immer wieder Fotos mit Soldaten: in Felduniform, ein kleines Mädchen vor sich haltend; mit der Angetrauten nach der Heirat sich mit ungläubigen, aber frohen Blicken anschauend oder leger in sommerlicher Uniform mit der Pullover-Freundin vor einem Feld.

Ich versinke ins eigene musée imaginaire.

Als Boltanski 1967 erste Vitrinen mit Objekten und Fotos bestückt, ist eines der wichtigsten Werke der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts im pubertären Alter: André Malraux’ „musée imaginaire“ (1953-55). Es weist, nach dem Mnemosyne Werk von Abi Warburg, das zu dieser Zeit nahezu vergessen war, und dem Passagenwerk Walter Benjamins auf die Erinnerungsfunktion von Bildern. Junge Künstler beginnen, darüber zu reflektieren.

Kurz zuvor haben die ersten maison de la culture geöffnet (1964), die Menschen in Frankreich mehr mit Kultur in Verbindung bringen wollen – auch das eine Werk André Malraux’. Die Kunst wendet sich dem Leben zu, nicht nur in Frankreich.

Die Abbildungen auf den großen Portrait-Tüchern stammen, so lese ich in der „Museumsbeilage“, die diese Ausstellung als Katalogersatz vorstellt, aus dem Archiv Menschlich, das sich in der Sammlung des Kunstmuseums befindet.

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