Kestner Gesellschaft – fake and femme

Die Analyse der öffentlichen Bildwelt – Kataloge, Magazine, Postkarten – war in den 1970er Jahren ein wichtiges Thema der jungen kulturellen Szene. Wie weit liegen die 70er Jahre zurück, wenn man heute in die kestnergesellschaft geht und vor den Fotos von Linder steht? Ein großer Teil des Kestner-Publikums dürfte sich dann wohl wirklich sehr jung fühlen, waren doch sehr viele während dieser Jahre jung. Mir geht es da nicht anders. Aber als attraktiv empfinde ich die Relikte dieser Jahre nicht mehr.

In die 1970er Jahre fallen die frühen Arbeiten der Liverpooler Künstlerin Linder. 1954 geboren, gehörte sie zur Generation der Punkszene, die sich in Liverpool in diesen Jahren ansiedelte, weil es viel Leerstand in allen Bereichen des alltäglichen Lebens gab. Ein Plattencover machte sie zur Ikone des Punk. Mitreißend war es aber wohl nie. Linder ist nicht aggressiv, sie räsoniert eher, stellt Situationen neben- oder gegeneinander. Im Gespräch sagte sie, dass ihre Collagen ein Erkunden von Geschlechterdifferenzen war; „I felt like a detective“ meinte sie und gestand ein, dass gerade während dieser Jahre vieles „semi biographical“ war. Eine Retrospektive wie diese zeigt viele, vielleicht zu viele, Schwachstellen. Eine lebenslange Auseinandersetzung mit dem nackten (Ab)Bild von bloßer Körperlichkeit und sexuellen Ritualen kann heute, wo die starren Bilder abgelöst worden sind von Laocoon gleichen Kämpfen gegen pornographische Internetangebote, nicht mehr mit Blumen oder Törtchen als Zierrat auf Geschlechtsmerkmalen geführt werden. Wenn sexuelles Erleben sich in Farbverläufen ausdrückt (und vielleicht auflöst), gibt es vielleicht ein neues Ausdrucksfeld. Drei große Bild-Beispiele von Linder haben es gezeigt.

Rachel Harrison, eine Dekade jünger als Linder, versammelt in ihren Arbeiten ebenfalls Vergangenheiten. In der großen, quer in den alten Hallen-Raum gestellten Wand („Incidents of travel in Yucatan“) spielte sie mit Assoziationen zu Ruinen der Maya und deren legendärem, immer noch nicht erforschten Ballspiel. Auch wenn mich die Kreise durchaus an diesen Hintergrund gemahnten, kam ich nicht auf die Spur des Entdeckungsreisenden John Lloyd Stephens. Die wuchernden Pflanzen des Bilder-Urwalds verdeckten mir manchen Zugang. „Winner takes all“ war für mich eher eine Art Familienbild, denn Trophäen mit femininen oder homoerotischen Aspekten.

Am ehesten reizte mich der gedrehte Schrank, der an die (Überlebens)Verstecke von Raymon Federman oder Ilya Kabakov erinnerte, und über das reduzierte Hausen, das dezimierte Entwickeln oder das erdrückende Gefühl pubertärer Unentschlossenheit zu reden schien.

In diesen beiden Ausstellungen kann das Publikum sich von den stärker fordernden Bildwelten der vorangegangenen Präsentation erholen.

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