Pistolettos Spiegel-Bilder vor der Eröffnung

der schein. glanz, glamour, illusion. kestnergesellschaft hannover

23.08.2013

„Dieses Heft braucht jeder Besucher“, rief Veit Görner, Direktor der kestnergesellschaft mit verhaltener Marktschreierstimme, „damit er die Ausstellung versteht“. Er hielt eine Schulheft große Publikation in die Höhe, die vorne ein dunkles schwarzweißes Foto zierte und hinten ein helles farbiges. Kein Titel, kein Logo. Das Heft ist der Begleiter der Besucher, nicht mehr ein gewichtiger Katalog, den man erst nachträglich zu Hause lesen kann. Ein Begleiter für einen Euro. Ein guter Gedanke. Möglich wurde er sicher dadurch, dass er eine Gruppenausstellung begleitet, die nicht mal eine Gruppe vorstellt, sondern einen Gedanken thematisiert und illustriert.

„Der Schein“ heißt die Ausstellung und sie fächert ihr Thema auf in die Aspekte „Glanz, Glamour, Illusion“.

Pistolettos Spiegel-Bilder vor der Eröffnung

Pistolettos Spiegel-Bilder vor der Eröffnung

Alle diese Wörter umreißen ein Umfeld, das nicht nur in der bildenden und nicht nur in der zeitgenössischen Kunst zu finden ist, sondern den Alltag beständig durchdringt. Schein, Glanz, Glamour und Illusion hatten nicht in allen Zeiten den gleichen Inhalt; was Schein, was Illusion ist, wechsele je nach gesellschaftlichem Zustand und hierarchischer Stellung. Kunst kann da ein Spiegel sein, auch ohne das Funkeln und Glitzern, das wir mit ihm durchaus verbinden, abzubilden.

Das Spielen mit (Ab)Glanz und Widerspiegelung, Reflexion und Reflektion ist in der Kunst seit eh und je zu Hause, das haben weder Pistoletto noch Heinz Mack erfunden – von denen ersterer in der Ausstellung vertreten ist, zweiterer aber nicht.

Pistoletto ist vermutlich vertreten, weil die „Herstellung“ seiner Kunst ein für das Premierenpublikum spektakulärer Akt war: von vierzehn großen, goldgerahmten Spiegeln wurden 13 mit einem Hammerschlag beschädigt/zerstört. ‚Glück und Glas, wie leicht bricht das’ kommt einem dabei sofort in den Sinn, aber ebenso auch ‚Scherben bringen Glück’. Nahezu allen Objekten haftet diese Widersprüchlichkeit oder eine Doppeldeutigkeit an. Es ist das Janusgesicht, das uns aus der griechischen Kultur übergeben wurde.

Veit Görner setzt den zeitgenössischen Glanz-Beginn bei Brancusi an, von dem berichtet wird, dass er seine Steinskulpturen so lange polierte (und polieren ließ), bis sie spiegelten . In der Ausstellung hängen einige schwarz-weiß Fotos im Halbdunkel des Gangs in der unteren Ebene, eher versteckt als der Beginn eines Triumphzuges.

Yayoi Kusamas Kugelbett (Narcissus Garden), in das sie sich 1966 legte

Yayoi Kusamas Kugelbett (Narcissus Garden), in das sie sich 1966 legte

Vergoldeter Bronzekopf (frühes Selbstbildnis) von Joseph Beuys vor Damien Hirst Tapete (2011)

Vergoldeter Bronzekopf (frühes Selbstbildnis) von Joseph Beuys vor Damien Hirst Tapete (2011)

Die Ausstellung hat ein gedankliches Konzept (angeregt von der parallel laufenden Ausstellung im Nieders. Landmuseum „Im goldenen Schnitt“), aber keine Präsentationsform, die dieses Konzept visuell umsetzt. Alle Arbeiten erscheinen als Solitäre, was sie keineswegs sind. Es fehlt der Werkzusammenhang und es fehlt der Zusammenhang mit den übrigen Arbeiten. Die Ausstellung ist durchaus geschickt zusammengestellt und die Objekte sind gut verteilt, doch ergibt sich keine Gemeinsamkeit.

Max Bill "kontinuität", 1946, Messing poliert vor "Unititled (Placebo-Landschaft-for-Roni) 1993ff, goldfarbene Bonbons

Max Bill “kontinuität”, 1946, Messing poliert vor “Unititled (Placebo-Landschaft-for-Roni) 1993ff, goldfarbene Bonbons, von Gonzales-Torres

Brancusi Anklang (Brancusi Tree,2007), mal schlaff, mal steif in Plastikgold und skeptisch beäugst

Brancusi Anklang (Brancusi Tree,2007), mal schlaff, mal steif in Plastikgold und skeptisch beäugst

Das Bild, das man von dieser Ausstellung nach Hause bringt, ist das eigene (Spiegel)Bild. Da wo das Material glänzt, sieht man sich, wenn man darauf schaut, da wo es Gold ist, schluckt der „Glanz“ die Umgebung und den Betrachter. Man ist drin im Bild oder wird verschluckt vom behaupteten Glanz.

Selbst im Glanz von Isa Genzken

Selbst im Glanz von Isa Genzken…

...und selbst im Glanz einer Kusama Bettfeder

…und selbst im Glanz einer Kusama Bettfeder

Es ist eine Ausstellung zum Denken und Nachdenken, in gewisser Weise eine lexikalische Ausstellung, die ein Thema abarbeitet.

Man kann sich dabei durchaus an jeder Arbeit erfreuen.

Mir gefiehlen besonders die Video Arbeiten von Kalup Linzy, der sich in immer anderen Figuren spiegelte und ihren Glamour-Effekt blendend und ironisch dem Betrachter vorführte, von Wolfgang Tillmanns “Light(Body)”, der Disko-Licht und Scheinwerfer verfolgte, und von Rivane Neuenschwander, die beobachtete, wie Ameisen emsig glitzernde Konfettiblättchen wegtragen. NImmt man diese Gruppe für sich, gibt es unterhaltsame und amüsante Brechungen des ansonsten ‘schweren’ Themas.

Der Alltag hielt dann noch einen besonderen Kommentar bereit: als ich die Straße überquerte, versperrte mir eine decollagierte Litfasssäule den Weg. Von alle Anpreisungen war nur noch der Kopf der asiatischen Goldkatze übrig geblieben.

Japanische Katze auf der Lichtsäule

Auch beim Abriss bleibt noch der Glanz des Goldes und der Sehnsucht übrig

Ein Gedanke zu „der schein. glanz, glamour, illusion. kestnergesellschaft hannover

  1. Pingback: Gemischtes Doppel :: GOLD in der kestnergesellschaft + im Landesmuseum – Heinz Thiel hat’s schon gesehen … | keineangstvorkunst

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